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09.11.2007 17:43 Alter: 9 Jahre

Bekannter Musiktheater- und Bertolt Brecht-Experte zu Gast in der Hochschule für Musik und Theater

Zwei Vorträge des bekannten Musiktheater- und Bertolt Brecht-Experten Joachim Lucchesi (Karlsruhe):

 

Mittwoch, 28. November 2007, 9.00 -10.30 Uhr

Orchesterstudio der Hochschule für Musik und Theater

"Synchronisiert: Asynchron" - Akzente zur Musikgeschichte der DDR

Eintritt frei.

 

Die Musikgeschichte der DDR ist Teil der internationalen Musikgeschichte zwischen 1945 und 1990. Sie reagiert einerseits unter den Bedingungen des Kalten Kriegs auf westliche wie östliche Tendenzen, entwickelt sich aber andererseits auch in relativer Eigenständigkeit. Die zeitgenössische Musik in der DDR entfaltete sich allmählich (und gegen kulturpolitische Widerstände). Zu ihren international namhaften Vertretern gehören die aus dem Exil Ende der 1940er Jahre nach Berlin zurückkehrenden Brecht-Komponisten Hanns Eisler und Paul Dessau. Eisler und vor allem Paul Dessau waren "Schutz- und Bezugspersonen" für die nachfolgenden jüngeren Komponistengenerationen. Deren Anspruch war es, eine moderne, klanglich anspruchsvolle und auf der Höhe internationaler Entwicklungen stehende Musik zu schreiben.

 

Komponisten wie Reiner Bredemeyer, Paul-Heinz Dittrich, Friedrich Goldmann, Georg Katzer und Friedrich Schenker setzen einen Prozess fort, der einerseits auf musikalische Traditionen der Brecht-Komponisten (und ihrer Lehrer) Bezug nimmt, andererseits aber auch den öffentlichen Diskurs über Neue Musik zu befördern sucht und in Kontakt mit internationalen Musiktendenzen tritt. Auch nach 1990 ist ihre Stimme im Konzert zeitgenössischer Musik bedeutsam.

 

Im Rahmen der Veranstaltungen der Theaterakademie Hamburg

Mittwoch, 28. November 2007, 11.00 - 12.30 Uhr

Raum 12 im Altbau der Hochschule für Musik und Theater

Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst - Bertolt Brecht und das Musiktheater

Eintritt frei.

 

Bertolt Brecht hat das Theater und Musiktheater des 20. Jahrhundert ent-scheidend verändert und mitgeprägt: in Praxis und Theorie, als Dramatiker, Regisseur und Ästhetiker. Er entwickelt Konzepte für seine spätere Thea-terarbeit nicht zuletzt aus den praktischen Erfahrungen der Augsburger Ju-gendzeit. Wesentlich dabei ist die frühe Einsicht, dass zu seinem Theater Musik als konstituierendes Element unbedingt dazugehört.

 

Eine wesentliche Quelle für die von Brecht geforderte "gestische Musik" ist die besondere Vortragskultur der Bänkelsänger, wie er sie auf Augsburger Jahrmärkten kennen lernt. Aus ihrer Vortragsweise entwickelt er wichtige Anregungen für seine späteren Ideen zur Verwendung von Musik im epi-schen Theater.

 

Mit dem Komponisten Kurt Weill beginnt Brecht seine ersten Arbeiten für das Musiktheater. Wesentlich für Brechts Musiktheater-Begriff ist hier der Einfluss Ferruccio Busonis: Antiwagnerismus, junge Klassizität, soziale Kommentarfunktion der Musik, Hervorkehren des Kunstcharakters. Diese Positionen werden über seinen Schüler Kurt Weill in die Zusammenarbeit mit Brecht hineingetragen. Sie entfalten sich dort, in ihren Werken, zu eindrucksvoller Wirksamkeit. In der Zusammenarbeit mit Hanns Eisler, Paul Dessau und Kurt Schwaen setzt Bertolt Brecht diese neue Ästhetik des Musiktheaters fort.

 

Wie Lieder und Songs des Brecht-Theaters in die musikalische Praxis umgesetzt werden (gerade auch hinsichtlich ihrer gestischen Qualitäten), zeigt ein Filmausschnitt. Darin ist die Schauspielerin und Sängerin Gisela May (Berlin) bei ihrer Arbeit mit einer Meisterklasse für Bühnengesang zu sehen und zu hören.

 

Joachim Lucchesi

Dr. phil., geb. 1948 in Brandenburg/Havel, Studium der Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin; seit 1995 mehrere Gast- und Vertre-

tungsprofessuren sowie zahlreiche Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen und Universitäten des In- und Auslands. Zahlreiche Schriften zur Musik-, Theater- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Buchpublikationen u. a. Musik bei Brecht (1988; zusammen mit Ronald K. Shull); Hermann Scherchen. Schriften (1991); Das Verhör in der Oper. Die Debatte um Brechts/Dessaus "Lukullus" 1951 (1993); Die Dreigroschenoper. Der Erstdruck 1928 (2004); Mitherausgeber der Schrif-tenreihe der Kurt-Weill-Gesellschaft Dessau sowie deren Präsidiumsmit-glied.