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18.06.2012 14:44 Alter: 4 Jahre

- Wanderer zwischen den musikalischen Welten –

Peter Michael Hamel verlässt zum Semesterende die Hochschule

(Foto: Kollmer)

Vor 15 Jahren trat Peter Michael Hamel die Nachfolge von György Ligeti als Professor für Komposition und Theorie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg an. Zum Ende des Sommersemesters (am 15. Juli) feiert er nun seinen 65. Geburtstag und verlässt die Hochschule. Hamel dazu  "Ich sehe dem Ende meiner Hochschullehrertätigkeit gelassen entgegen und freue mich auf künftige Freiräume, habe das Gefühl, wieder mehr Musik machen zu müssen."

 

Aus diesem Anlass widmet die Hochschule einem ihrer unkonventionellsten Musiker, Komponisten und Lehrer vom 28. – 30. Juni eine "Klangreise" durch sein kompositorisches Werk.

 

Bereits nächste Woche, am 22. Juni, ehrt die Hochschule Peter Michael Hamel mit der feierlichen Verleihung der Ehrendoktorwürde, findet seine Verabschiedung durch Präsident Prof. Elmar Lampson und Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt statt. Auch der Ehrenpräsident der Hochschule, Prof. Dr. Dr. Hermann Rauhe, lässt es sich nicht nehmen, Hamel zu verabschieden. Im Rahmen des Orchesterkonzerts unter der Leitung von Gastdirigent Matthias Foremny wird Peter Michael Hamels Komposition "Gestalt für Orchester" erstmals in Hamburg aufgeführt:

 

Freitag, 22.06.12  20:00   Forum der Hochschule

Orchesterkonzert

mit dem Symphonieorchester der HfMT

Gastdirigent: Matthias Foremny


Weiter erklingen Werke von Robert Schumann  und Peter Tschaikowsky.

 

Seit Hamel den Lehrstuhl für Komposition übernahm, sorgt er für schöpferische Unruhe, regt an und weitet Horizonte. Sein Angebot an die Hochschule seinerzeit war, "fachübergreifend zu arbeiten" – sein eigenes Fach mit Nachbardisziplinen zu vernetzen.

Hamel machte mit immer neuen Ideen die zeitgenössische Musik zu einem Schwerpunkt der künstlerischen Arbeit in der Hochschule. Seine „Klangnächte“ zu vielen verschiedenen musikalischen Themen haben gezeigt, welch überwältigendes Echo die aktuelle Musik finden kann, wenn sie in phantasievollen neuen Veranstaltungsformen präsentiert wird.

 

"Es gibt keinen Komponisten in seiner Generation, der die Herausforderungen außereuropäischer Musik so intensiv gelebt und kompositorisch ins Werk gesetzt hätte, wie Peter Michael Hamel" so  Wolfgang Burde. " Und die Vielperspektivität seines kompositorischen Oeuvres widerspiegelt einerseits eine komplexe Persönlichkeitsstruktur, andererseits aber auch eine vielschichtige sozio-musikalische Situation, der sich Hamel von Anbeginn stellte."

 

Seine Studierenden schätzen an ihm seine große Offenheit, die Möglichkeit, unter seiner Anleitung "ihre" Sprache finden zu können. Stellvertretend sei hier Martin von Frantzius zitiert: "Peter Michael Hamel ist im Unterricht kein "Notenzähler", und er weigert sich, "Rezepte" für musikalische Allheilmittel zu verteilen; stattdessen sensibilisiert er für die Suche nach der eigenen musikalischen Identität. ……. Dafür und für seine zahlreichen Anregungen, ……seine Offenheit und selbstlose Hilfsbereitschaft bin ich ihm unendlich dankbar."

 

 

 

Hintergrundinformationen zu Peter Michael Hamel

geboren am 15. Juli 1947 in München, erhielt seinen ersten Klavierunterricht im Alter von fünf Jahren bei seiner Großtante Amalie Jensen-Pletsch, später kamen Violine, Violoncello und Horn hinzu. 1965-70 studierte Hamel Komposition, erst privat bei Fritz Büchtger, anschließend an der Staatlichen Hochschule für Musik in München bei Günter Bialas. Im gleichen Zeitraum auch Musikwissenschaft bei Thrasybulos Georgiades und Carl Dahlhaus, Soziologie und Psychologie in München und Berlin, Beschäftigung mit Free Jazz, politischem Kabarett, Musique Concrète und Elektronik. Schauspiel- und Fernsehspielmusik für Inszenierungen seines Vaters Kurt Peter Hamel (1911-1979).

Zwischen 1969 und 1974 arbeitete Hamel vorwiegend mit amerikanischen Komponisten zusammen, etwa mit John Cage, Morton Feldman und Terry Riley. Er nahm als Mitarbeiter von Josef Anton Riedl an dessen multimedialen Projekten teil, improvisierte mit Jazzmusikern, aber auch mit Luc Ferrari und Carl Orff und praktizierte freies Stegreifspiel in der von ihm mitgegründeten international besetzten Improvisationsgruppe Between (6 wiederveröffentlichte CDs bei intuition/wergo).

Ab 1971 begann Hamel als Pianist, Organist, Sänger und Live-Elektroniker mit eigenen Werke aufzutreten und zahlreiche Tourneen mit dem Goethe-Institut zu unternehmen, die ihn unter anderem nach Bombay, Delhi, Madras, San Francisco, New York, Toronto, Seoul, Osaka, Kyoto, Rom, Dublin, Glasgow, Moskau, Madrid, Lissabon, Paris und Prag führten. Auf mehreren Asienreisen beschäftigte er sich seit 1973 mit dem Studium fernöstlicher Gesangstile und Tonsysteme. Sein daraus gewonnenes Wissen sowie ästhetische Reflexionen zur Musik seiner Zeit fasste er in dem 1976 erschienenen Buch Durch Musik zum Selbst zusammen (Taschenbuch in 7.Auflage bei Bärenreiter).

Während seines Stipendiumaufenthaltes in der Villa Massimo in Rom 1979/80 entstand das erste abendfüllende Bühnenwerk Ein Menschentraum, 1981 in Kassel in der Inszenierung von Dieter Dorn uraufgeführt.

Vortrags- und Konzertreisen führten ihn 1982-1990 durch Europa, USA und Asien. In diesem Zeitraum entstanden neben vielen Kammermusikwerken (darunter das 1986 vom Kronos-Quartett bei den Darmstädter Ferienkursen uraufgeführte Zweite Streichquartett), verschiedene Bühnenmusiken für die Münchner Kammerspiele, sowie die Lyrikoper Kassandra (uraufgeführt 1987 bei den Frankfurt Festen). Außerdem wurde seine Musik mehrfach bei den IGNM-Weltmusiktagen aufgeführt, ebenso bei den Salzburger Festspielen und den Berliner Festwochen.

Orchester- und Chormusik für die Donaueschinger Musiktage und alle (west-)deutschen Rundfunkanstalten. Seine erste große Sinfonie Die Lichtung erklang 1988 zum Abschluß der 1. Münchener Biennale unter Sergiu Celibidache, bei dem Hamel Phänomenologiestudien betrieb, 1990 folgte ein Violinkonzert für Christiane Edinger in der Reihe Musica Viva in München. 1994-96 lehrte Hamel als Gastprofessor an der Musikhochschule Graz.

Als Auftragswerk zum 100. Geburtstag der Münchner Philharmoniker 1995 entstand die erfolgreich aufgeführte Missa. Anschließend schrieb der Komponist weitere oratorische Werke, wie die Passion (uraufgeführt mit Dietrich Fischer-Dieskau) und Die Menschenrechte für mehrere SolistInnen und Schulchöre. Sein vielleicht radikalstes Musiktheater-Projekt, das aus einem Musiktheater und einer Radiokomposition bestehende Shoah setzt sich mit dem Holocaust auseinander (1990-96), die darin enthaltenen Fünf Tore für Orchester wurden 2009 innerhalb der Hamburger Reihe "das neue werk" uraufgeführt.

Hamels Orchester-, Chor- und Kammermusikwerke sind bei Bärenreiter, E.R.P. und Schott verlegt, zahlreiche CD-Veröffentlichungen bei wergo/intuition und Celestial Harmonies, TV-Produktionen, Filmportraits und Stimmfilm-Neuvertonungen für den BR (Passion, 1997) und das ZDF (SWD, Der lebende Leichnam, Dr.Caligari). Neuveröffentlichungen auf CD 2007: Alexander String Quartet und Vom Klang des Lebens mit Roger Woodward, der 2009 auch im Münchener Gasteig die konzertante Weltpremiere des einstündigen Klavierwerkes spielte.

 

1997 wurde Hamel als Professor für Komposition und Theorie an die Hamburger Hochschule für Musik und Theater berufen. Dort war er Leiter des Studio 21 für aktuelle Musik, entwickelte die "Klangnächte" und ist präsidialer Beauftragter für interkulturelle und interdisziplinäre Projekte.

In Hamels Kompositionsklasse machten so erfolgreiche und verschiedenartige junge Komponisten wie Jörn Arnecke, Minas Borboudakis oder Sascha Lino Lemke ihr Diplom, seine Studierenden im Multimedia-Masterstudiengang kommen und kamen aus Argentinien, China, Frankreich, Griechenland, Kolumbien, Rumänien, Portugal und Südkorea.

 

Mit dem 1998 gegründeten Interkulturellen Musikinstitut in Aschau/Chiemgau, dem Hauptwohnsitz seiner siebenköpfigen Familie, schuf Hamel ein über die Grenzen des akademischen Betriebs hinaus arbeitendes Forum für harmonikale Grundlagenforschung, akustische Kunst, Ethnomusikologie, Gruppenimprovisation, sowie Stimm- und Atemarbeit.

 

Seit 2000 ist Hamel Vorsitzender der Musiksektion an der Freien Akademie der Künste, Hamburg und im Juli 2007 wurde er in die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen. Seine zweite Sinfonie Die Auflösung für Chor und Orchester (2000-2007) hatte 2008 ihre Premiere bei der 11. Münchener Biennale. Derzeit arbeitet der Komponist an einem umfänglichen Musiktheaterprojekt zum Thema Nahtoderfahrungen: last minute, eine Teiluraufführung fand am 18.6.09 in der Münchner Musica Viva statt.

Zahlreiche Preise würdigten sein Schaffen, darunter Förderpreise der Städte Bonn (1974), Stuttgart (1975), München (1977), der GEMA-Stiftung (1981), zweimal „Rostrum of Composers“, Paris. Hamel war composer in residence im Westen der Republik Irland und beim Schleswig Holstein Musikfestival 1988. Im gleichen Jahr folgte der Schwabinger Kunstpreis der Stadt München und 1994 ein Preis beim Carl-Orff-Wettbewerb für zeitgenössisches Musiktheater. Im Juli 2007 wurde er für seine Chormusik mit dem Gerhard-Maasz-Preis ausgezeichnet und im November 2008 wurde ihm der Gerda- und Günter Bialas-Kompositionspreis verliehen.

 

Zu Hamels 60.Geburtstag schrieb der Staatsminister der deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann: „als Wanderer zwischen den musikalischen Welten sind Sie ein Pionier: Von neuer Musik über Jazz und Rock bis zu außereuropäischen Einflüssen reicht das Spektrum der Traditionen, aus denen Ihre Musik schöpft. Aus immer neuen Quellen haben Sie Inspiration für Ihre Werke gewonnen und dabei doch ein ganz eigenes, originäres Universum geschaffen. Mit ihren Grenzüberschreitungen haben Sie das Musikleben in Deutschland außerordentlich bereichert und gehören heute zu den herausragenden Komponisten der Gegenwart.“