Deutsch
English

Das Budge-Palais - Erinnerungen von Prof. Peter Kahn

Im dritten Teil "Zur Geschichte des Budge - Palais" haben Studierende des Studienganges Kultur- und Medienmanagement (Sven Meyer, Benedikt Schiwek, Volker Schirp) einige Zitate eines Großneffen Henry Budges zusammengetragen: Prof. Peter Kahn lebte in seiner Kindheit im Budge - Palais und hat in seinem Buch Eine Wiedergutmachungsangelegenheit: Das Budge - Palais, Harvestehuder Weg 12, Hamburg 1986/87 u.a. einige Erinnerungen aufgeschrieben.

1884

Der Architekt Martin Haller baut das Haus für Ivan Gans, einen Schiffsmakler.

"Der Architekt Martin Haller war in der damaligen Zeit der lokal berühmteste und erfolgreichste seiner Kollegen (...). In dem Haus Budge gebrauchte er das Vorbild eines mittelgroßen französischen Schlosses der Chambord-Zeit, aber mit dänisch-klassizistischen Einflüssen. Dadurch wurde es etwas leichter, die Linien elegant und ohne mittelalterliche Nachwehen. Trotzdem machte es einen gutbürgerlichen Eindruck. (...) Das Haus meines Onkels war wohl das größte, das vornehmste, in der ganzen Nachbarschaft." 

1900

Henry Budge, ein amerikanischer Geschäftsmann deutscher Herkunft, kauft die Gans-Villa samt der Parkanlage am Alsterufer. In der Zeit zwischen 1900 und 1914 lässt er das Haus - ebenfalls von Martin Haller - umbauen und erweitern.

"Mr. Budges Finanzkraft ist unerschöpflich - wie seine Nachsicht gegen die baulichen Ausschweifungen seiner Frau." (Martin Haller)

"(Das Haus) war für die großen Ansprüche meines Onkels zu klein, da es ja nur 30 Zimmer hatte, und musste von dem ursprünglichen Architekt umgebaut und auf ungefähr 50 Zimmer erweitert werden (wenn man die vielen Badezimmer, die Küche, und den Theatersaal da nicht mit einrechnet). Sein Architekt, Martin Haller, arbeitete über 8 Jahre an dem Haus, das man in unserer Familien gern das Budge-Palais nannte. Viele Hamburger nannten es aber die 'Badeanstalt', weil es so viele Badezimmer hatte (20, so viel ich mich erinnere). Das kam daher, dass Budge von Amerika kamen, wo Badezimmer unbedingte Notwendigkeiten der Leute guten Tones geworden sind (...)." 

1903

Henry Budge lässt sich mit seiner Frau Emma Budge, geb. Lazarus, in Hamburg nieder. Durch den Zukauf der Häuser Milchstraße 11 und Magdalenenstraße 50 vergrößern sie ihr Grundstück an der Alster.

"Der Garten, der zum Alsterufer hinlief, war in französischer Art gepflanzt, mit Zierteichen, einem japanischen Teehaus geschmückt. Treibhäusern und englischen Pärken versehen, die langsam in eine 'natürliche' Landschaft übergingen. Ein Wintergarten stand neben dem Haupthaus, in dem Palmen und tropische Pflanzen gezogen wurden. Unter dem Garten lief eine Kegelbahn quer herüber, die wir als Kinder benutzten, ohne die Spielregeln zu kennen, wir haben sie einfach erfunden. In der Alster stand ein Bootshaus, das in den dreißiger Jahren etwas verfallen und vergessen dastand."

"Das Haus war für Kinder wie ein Märchen, mit den vielen Ecken, den Zimmern die wie Museen aussahen, den Gärten die bis zur Alster runterliefen, wo ein verfallenes Bootshaus stand, in dem ein kleines Ruderboot lag, das die Tante für die eingeladenen Kinder bereit hatte."

"20 Leute waren angestellt, das Haus und die Gärten zu betreiben. Im Frühling mussten dann noch mehrere Gärtner vorübergehend in den Treibhäusern und den formalen Beeten arbeiten, um die großen Anlagen aufrechtzuerhalten. Im Haus selber herrschte ein Fräulein Bräundle, die Haushälterin, die Küche, Räume, und besonders das gesellschaftliche Leben des Hauses überwachte. Die Garage, die zuerst als Stall dienen sollte, aber von dem fortschrittlichen Henry Budge schon immer nur für seine Autos benutzt wurde, sah wie ein kleines Schlösschen aus. In ihr wohnte der Hauptgärtner und die Familie des Chauffeurs. Als meine Mutter, eine geborene Budge, die Verwandten besuchte, wollte sie nicht in das Haus, sondern sie lebte in der 'Garage'. Sie war links gestellt, und streitete sich mit Tante und Onkel, die diese Einstellung unverständlich fanden."

1909

Henry Budge lässt den Spiegelsaal bauen. Er ist ein Geburtstagsgeschenk für seine vielseitig kunstinteressierte Frau Emma und dient als Begegnungsort bekannter Künstler.

1928

Am 20. Oktober stirbt Henry Budge. Er vermacht das Haus der Stadt Hamburg.

1933

Seine Frau Emma, die nach dem Tod ihres Mannes die Vollmacht über den Besitz erlangt, ändert die Bestimmung ihres Mannes und vermacht den Nachlass der amerikanischen Regierung.

1937

Am 14. Februar stirbt Emma Budge. Noch in demselben Jahr geht das Haus aus bis heute ungeklärten Gründen nicht an die amerikanische Regierung, sondern an die Reichsstatthalterei Hamburg. Das Haus wird zur Residenz des Reichsstatthalters und Gauleiters der NSDAP, Karl Kaufmann, und zu einem Machtzentrum der Hamburger Nazis. Karl Kaufmann lässt sich im Hinterhof einen Bunker bauen, der während des Krieges als Stabsquartier dient.

"Noch im selben Jahr wurde der Inhalt des Hauses, die Sammlungen, die Gemälde (...) die Möbel, das Geschirr, alle in 5 Möbelwagen nach Berlin geschickt, wo es versteigert wurde. Warum Berlin anstatt Hamburg ist heute auch nicht herauszufinden. Der Auktionskatalog ist bis heute noch ein Nachschlagewerk für Sammler und Fachleute, die sich mit deutschem Porzellan, besonders mit Meissner Figuren beschäftigen. Es ist nicht möglich zu ermitteln wo die Sammlungen heute sind, die Quellen dafür 'existieren nicht mehr'. Wir wissen nur, dass 1020 Teile für 927942 Reichsmark versteigert wurden. Es ist auch unmöglich, die Werte der Sammlungen auf heutige Verhältnisse zu übersetzen. Wie so viele Summen über das Budge-Vermögen, kann man nicht einmal eine ungefähre Schätzung des Gesamtvermögens machen."

1945

Im Mai wird das Haus von englischen Truppen besetzt. Es soll als Hauptquartier eines englischen Generals Verwendung finden, wird aber zuerst als Lazarett, später als Offiziersklub mit zwei Bars und Lunchroom und anschließend als Hotel für wichtige englische Besuche in Hamburg genutzt. Die Engländer haben keine Kenntnis von der Geschichte des Hauses.

1952

Am 1. Oktober wird vom Landgericht Hamburg angeordnet, das ganze Grundstück dem Budge-Nachlass zurückzuerstatten. Am 13. November bestimmt das gleiche Gericht, dass das Budgegrundstück für den Preis von 22.500 DM zurück an die Stadt Hamburg gehen soll - alles ohne Benachrichtigung der Teilerben des Budge-Nachlasses.

1956

Das Haus wird von den Engländern an die Stadt Hamburg freigegeben.

"1957 ging das Anwesen an die Stadt Hamburg. Wie und warum das geschehen ist, ist schwer zu verstehen. Dass es 'vernünftig' ist, also eine gute Lösung ist, aus diesem übergroßen Budge-Palais nun eine öffentliche Musik-Hochschule zu machen, darüber besteht kein Zweifel. In heutigen Umständen wäre es finanziell und logistisch unmöglich für Privatleute, ein solches Anwesen zu besitzen, von bewohnen ganz zu schweigen. Dass die Gärten jetzt öffentliche Anlagen sind, sodass das Alsterufer von der ganzen Bevölkerung anstatt nur von ein paar reichen Bürgern benutzt wird, ist offenbar ein Fortschritt. Aber als Wiedergutmachung, als ein rechtsbegründeter Schritt von Seiten des Staates ist das alles fragwürdig, willkürlich."

1959

Die Hochschule für Musik Hamburg zieht offiziell in das Budge-Palais ein.

 

Zitate aus:

Peter Kahn. Eine Wiedergutmachungsangelegenheit: Das Budge-Palais, Harvestehuder Weg 12, Hamburg 1986/87 (Prof. Peter Kahn, USA, ein Großneffe Henry Budges, lebte in seiner Kindheit im Budge-Palais)