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Teil 3 - Neue Musik und neue Bauten - Von Wilhelm Maler bis Hajo Hinrichs 1959 - 1978

Die chronische Raumnot der Hamburger Musikhochschule in der ersten Hälfte der 50er Jahre verbessert sich erst, als 1956 ein Teil des Unterrichtsbetriebes vom Curio-Haus in der Rothenbaumchaussee in das nahe gelegene Budge-Palais am Harvestehuder Weg verlagert wird, wo es auch einen kleinen Kammermusiksaal gab. Diese Übersiedlung gilt aber zunächst nur als Interimslösung, da man im Rathaus immer noch hoffte, das Gebäude als Sitz eines repräsentativen Generalkonsulats an den Schah von Persien verkaufen zu können, mit dem die Stadt in Verhandlungen stand. Immerhin bewilligt man der Hochschule in der mittelfristigen Finanzplanung vorab aber schon die Summe von einer Million DM für einen Neubau, den sich Wilhelm Maler als Nachfolger Philipp Jarnachs im Amt des Direktors 1959 sogleich schriftlich zusichern lässt.

Der neue Direktor Wilhelm Maler (1902 – 1976) war in seinem Geburtsort Heidelberg Schüler von Hermann Grabner gewesen. Danach studiert er in München bei Joseph Haas und in Berlin bei Philipp Jarnach, bevor er 1925 Dozent für Musiktheorie an der Musikhochschule in Köln wird. Von 1931 bis 1944 unterrichtet er außerdem an der Universität Bonn. 1944 bis 1945 wird Maler zur Wehrmacht einberufen und leistet Kriegsdienst. Ab 1946 leitet er die von ihm mit gegründete Nordwestdeutsche Musikakademie, die heutige Hochschule für Musik Detmold, bis er schließlich 1959 von seinem früheren Lehrer Philipp Jarnach nach Hamburg gerufen wird.
Werner Krützfeld, der seit 1975 Dekan des Fachbereichs Komposition und von 1990 bis zu seinem Ruhestand 1996 Vizepräsident an der HfMT ist, erinnert sich an seine ersten Jahre in Hamburg: „Maler ging ein sagenhafter Ruhm voraus. Er hatte die Detmolder Musikhochschule zu dem seinerzeit angesehensten Ausbildungsinstitut gemacht. Besonders wir jungen Lehrenden erwarteten von ihm Wunderdinge. (…) Meine erste, intensive Begegnung mit Wilhelm Maler fand 1960 statt. Eine seiner ersten Amtshandlungen nämlich war, eine Reihe von Papieren herzustellen, zu denen auch ein ‚Prospekt‘ über die Hochschule gehörte. Hier fand ich den Hinweis, die Hochschule habe ein ‚Studio für Neue Musik‘. Davon hatte ich bisher noch nie etwas gehört, fand die Idee aber fantastisch. Ich usurpierte – in jugendlichem Überschwang – Malers Vorstellungen und ‚gründete‘ das Studio einfach. Maler hörte sich meine Überlegungen milde lächelnd an, sagte aber: ‚Machen Sie mal.‘ Das ‚Studio für Neue Musik‘ wurde dann Forum für Komponistinnen und Komponisten der Hochschule, waren es nun Lehrende oder Studierende und existiert bis heute weiter.“
1967 wird die Hochschule in „Staatliche Hochschule für Musik und darstellende Kunst“ umbenannt, um auch die Studiengänge für Theater und Oper im Namen kenntlich zu machen.

Nachfolger Wilhelm Malers wird 1969 Hajo Hinrichs. Nach dem Dirigierstudium an der Kölner Musikhochschule ist der gebürtige Oldenburger zunächst Solorepetitor am Staatstheater Oldenburg. Weitere Stationen seiner bis zum Ersten Opernkapellmeister führenden Laufbahn sind Osnabrück, Innsbruck, Berlin und Magdeburg. Hinrichs hat jedoch nicht nur Opern einstudiert und dirigiert, sondern auch selbst leidenschaftlich komponiert: „Die kluge Wirtin“ (1943), „Vanina Vanini“ (1951) und „Drei Fenster“ (1959). 1951 holt ihn sein alter Kölner Kompositionslehrer Wilhelm Maler an die Detmolder Musikhochschule als Professor. Maler ist es auch, der Hajo Hinrichs 1959 als Stellvertreter und Leiter der Opernabteilung an die Hamburger Musikhochschule beruft. 1969 wird er dann zunächst zum Direktor und von 1974 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1978 zum ersten Präsidenten der Hamburger Hochschule für Musik und Theater gewählt.
Während seiner Präsidentschaft beruft Hinrichs den Komponisten György Ligeti und Kammersängerin Judith Beckmann an die Hamburger Musikhochschule, er etabliert gemeinsam mit der Universität Hamburg den hochschulübergreifenden Studiengang Musiktheater-Regie mit Götz Friedrich und Helmut Franz an der Spitze. Wie bereits sein Vorgänger kämpft auch Hinrichs um einen Neubau für die Musikhochschule und kann am 11. Juni 1970 endlich mit der Grundsteinlegung für den ersten Bauabschnitt die Früchte seiner Bemühungen ernten. In seiner Ära erhält die Musikhochschule ihre heute gültige demokratische Verfassung: Er ist maßgeblich an der Einführung eines Selbstverwaltungsmodells für die künstlerischen Hochschulen und einer Präsidialverfassung beteiligt, die im damaligen Kunsthochschulgesetz ihren Niederschlag findet. Diese neu gewonnene Selbständigkeit der Hochschule verteidigt er vehement und erfolgreich in seinen Bestrebungen zur Verhinderung einer Gesamthochschule Hamburg, die den Besonderheiten einer kleinen künstlerischen Hochschule in keiner Weise Rechnung getragen hätte.
Im Rahmen eines Festaktes am 20. März 2001 überreicht Hermann Rauhe als damals agierender Präsident der HfMT seinem Vorgänger Hajo Hinrichs für dessen langjähriges erfolgreiches Wirken an der Hochschule die Ehrenmedaille der Hochschule. Hajo Hinrichs begeht an diesem Tag zugleich seinen 90. Geburtstag. In seiner Laudatio führt Hermann Rauhe aus: „Hajo Hinrichs hat sich in den Jahren als Stellvertretender Direktor, Direktor und Präsident dieser Hochschule hervorragende Verdienste erworben. Die Entwicklung und das Profil der Hochschule wurden durch seinen kulturpolitischen Weitblick und sein außerordentliches persönliches Engagement für die Ziele und Geschicke der Hochschule entscheidend geprägt.“