Das Budge-Palais (von Zenon Mojzysz)

Wer immer heute durch das Erdgeschoss des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe schlendert, kommt bald in die Abteilung, in welcher historische Möbel und ganze Raumeinrichtungen zu sehen sind. Unter den vielen beeindruckenden Exponaten befindet sich ein besonders großes Objekt - ein Spiegelsaal. Der Besucher dieses Raumes wird womöglich überlegen, wie ein Saal von nicht unbeträchtlichen Ausmaßen (16 Meter Länge, 8 Meter Breite, 5 Meter Höhe) seinen Weg in ein Museum gefunden hat. 

Im Jahre 1887 ließ sich der Schiffsmakler Ivan Gans von dem bekannten Architekten Martin Haller in Pöseldorf, am Harvestehuder Weg 12, ein Haus im klassizistischen Stil bauen. Dieses Gebäude erwarb 1900 der jüdische Geschäftsmann Henry Budge und ließ es 1900-1909 schlossartig umbauen. Henry Budge (1840-1927), der Sohn eines Frankfurter Wertpapierhändlers, war 1866 in die Vereinigten Staaten ausgewandert und wurde dort in der Folgezeit ein äußerst erfolgreicher Bankier und Finanzexperte. 1879, wahrend eines Aufenthalts in Deutschland lernte er seine zukünftige Frau Emma kennen, die Tochter eines jüdischen Hamburger Kaufmanns. Die beiden heirateten und erwarben 1882 sogar die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Doch betrachteten sie Deutschland offensichtlich immer noch als ihre Heimat. Nachdem Henry Budge sich von seinen Geschäften zurückgezogen hatte, verließ das Ehepaar 1903 Amerika und ließ sich in Hamburg nieder. Der Umbau der Gans-Villa, durchgeführt von ihrem Erbauer, Martin Haller, fiel so umfangreich aus, dass er fast einem Neubau glich. Dem großzügig angelegten Komplex gehörten neben dem erweiterten Wohnhaus (mit einer unterirdischen Kegelbahn) Remisen und Stallgebäude, Obst- und Treibhäuser, eine Blumenhalle, ein Teepavillon und schließlich ein im Stil des Historismus gehaltener Festsaal an - der Spiegelsaal. Henry Budge soll ihn seiner kunstsinnigen Frau zum Geburtstag geschenkt haben. 

Da sich das Leben der Budges (auch das "gesellschaftliche") vorwiegend im privaten Rahmen abspielte, ist es heute schwierig, etwas Konkretes darüber zu sagen. Sicherlich ist der prächtige Spiegelsaal des Öfteren Zeuge von Festen, Empfangen, Privatkonzerten und Theateraufführungen, Lesungen etc. gewesen. Der große Caruso soll dort gesungen haben und der Star unter den damaligen Komponisten - Paul Hindemith - war mit seinem Quartett zu Gast. Das Palais, das ganze Anwesen muss damals ein beeindruckendes Erscheinungsbild geboten haben.

Die von Emma Budge liebevoll gepflegten Gärten (ca.16 000 qm) reichten bis an das Alsterufer (auch ein Bootsstieg war dabei) und das Innere des Hauses barg eine schier unüberschaubare Fülle von Schätzen. Über die Jahre hinweg hatte Emma Budge unter fachlicher Anleitung des damaligen Direktors des Museum für Kunst und Gewerbe, Justus Brinkmann, systematisch eine Sammlung von wertvollen Kunstgegenständen aufgebaut. Hierzu gehörten neben Silber, Porzellan, Fayence und Kleinplastiken auch Möbel und Tapisserien - 1020 Teile zahlte man 1937 bei der Versteigerung des Nachlasses.

Die Ehe der Budges blieb kinderlos. Dies, aber auch seine gemeinnützige Gesinnung (in Frankfurt gibt es heute noch eine Budge-Stiftung), haben Henry Budge veranlasst, eine Schenkung des Anwesens (als Stiftung) an die Stadt Hamburg zu erwagen. Das Haus und die darin befindlichen Kunstschätze sollten für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Doch schon nach seinem Tode, in den dreißiger Jahren, angesichts der sich rapide verschlechternden Situation der Juden in Deutschland, verwarf Emma Budge diese Plane. Die US-amerikanische Regierung wurde nun von ihr als Erbe eingesetzt, oder aber, sollte diese die Erbschaft nicht antreten wollen, die jüdische Gemeinde. Der letzte Wille von Emma Budge wurde gründlich missachtet. Nach ihrem Tod im Jahre 1937 gelang es den Nazis, den größten Teil der Hinterlassenschaft an sich zu reißen - die jüdischen Testamentsvollstrecker wurden für abgesetzt erklärt, das Anwesen für eine relativ bescheidene Summe verkauft, die Sammlung versteigert und der größte Teil des im Ausland in Wertpapieren angelegten Vermögens unter Berufung auf die damals geltenden Devisengesetze den jüdischen Erben vorenthalten.

Kurz darauf, im Jahr 1938 zog der Reichsstatthalter Kaufmann (mit seinem Stab) in das Palais ein. Mitgebracht hatte er, als seinen persönlichen Beitrag zur "Verschönerung" des Hauses, je vier Hitler- und Göring- und zwei Hess-Portraits. Bis zum Ende des "Tausendjährigen Reiches" sieben Jahre später blieb das Palais der offizielle Sitz der Hamburger Gauleitung. Aus dieser Zeit ist noch im Garten ein teilweise oberirdisch gebauter Luftschutzbunker erhalten. Die Nazizeit, den Krieg und die verheerenden Flachenbombardements überstand das Palais unbeschadet. Der Spiegelsaal war damals eine der wenigen größeren Räumlichkeiten repräsentativen Charakters überhaupt, die in Hamburg nach den Kriegszerstörungen übrig geblieben waren.

Nach dem Ende der Nazis beherbergte das Haus einige Jahre lang einen englischen Offiziersklub – bis es in den fünfziger Jahren zurück an die Stadt Hamburg fiel. Im Juni 1956 wurde das Gebäude schließlich zum (anfangs nur vorübergehenden, dann ständigen) Sitz der damaligen "Staatlichen Hochschule für Musik". Der Spiegelsaal diente wieder als Konzert- und Veranstaltungsraum, diesmal der breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Von Anfang an war man sich allerdings darüber im Klaren, dass die räumlichen Kapazitäten des Hauses nicht ausreichend waren: ein Neu- bzw. Erweiterungsbau musste her. Wie ein solcher aber auszusehen hatte, wusste man noch nicht genau (und stritt auch heftig darüber). So wurde zum Beispiel 1968, anlässlich des Beginns der ersten Phase der Erweiterung, heftig darüber debattiert, ob das Budge-Palais, damals noch nicht in die Denkmalliste eingetragen, überhaupt erhalten bleiben sollte. Ein Abriss zugunsten eines kompletten Neubaus wurde vorgeschlagen, wobei "die Holztafelung eines Saales [gemeint ist das ehemalige Esszimmer] und das schöne schmiedeeiserne Tor (...) auf jeden Fall auch bei dem Neubau (...) wieder verwendet werden [sollten]". Auch wurde in Erwägung gezogen, die Fassade des Hauses zwar zu erhalten doch das Innere vollständig neu zu gestalten.

Glücklicherweise konnten diese Abriss- bzw. "Entkernungs"-Pläne (vorwiegend aus finanziellen Gründen) nicht in die Tat umgesetzt werden. Nur der kleine Teepavillon im Garten fiel der Spitzhacke zum Opfer.

Der Spiegelsaal diente noch ein gutes Jahrzehnt den Bedürfnissen der Hochschule - bis 1980, als die zweite Phase des Umbaus eingeleitet wurde. Wiederum wurde über den Erhalt der historischen Substanz, diesmal nicht des Budge-Palais im Ganzen, sondern nur des Spiegelsaals, diskutiert. Dieser stand erstens den Umbauplänen im Weg und zweitens genügte er nicht mehr den vielfältigen und über die Jahre gewachsenen Ansprüchen der Hochschule. Ein großer, moderner Veranstaltungsraum wurde gebraucht, ein Forum, das sich auch für Opern- und Theateraufführungen eignete. Ein Vorschlag wurde gemacht: der Spiegelsaal sollte zusätzlich zu dem geplanten Konzert- und Theatersaal als “kleiner Saal” in das Gesamtkonzept der Hochschule integriert werden. Dafür sollte er, um 90 Grad versetzt, auf den Parkplatz vor der Hochschule "verschoben werden". Diese Idee konnte leider aus finanziellen Gründen (Kostenpunkt: zusätzliche 2 Millionen Mark) nicht umgesetzt werden.

Der Spiegelsaal wurde abgetragen. Das gesamte Innere (die Holzpaneele, Verzierungen, Stuckteile und Spiegel) konnte vorübergehend im Museum für Kunst und Gewerbe eingelagert werden. Dort wollte man es später wieder aufstellen. Allerdings deutete angesichts der für eine solche Maßnahme fehlenden Mittel alles darauf hin, dass dieser prunkvolle Raum, nun in Tausende von Einzelteilen zerlegt, lange Jahre tief in den Depots des Museums ruhen würde.

Doch es sollte anders kommen, allen Geld- und Platzproblemen zum Trotz. Schon sieben Jahre später, 1987 (die Idee hierzu lasst sich sogar bis ins Jahr 1983 zurückverfolgen), ermöglichte eine private Spende (2 Millionen Mark von den für diese Aufgabe veranschlagten 3,5 Millionen Mark) den fast originalgetreuen Aufbau des Saals am neuen Ort im nördlichen Innenhof des Museums. Der im Stil des Historismus gehaltene Spiegelsaal wurde anlässlich des Wiederaufbaus liebevoll saniert und erstrahlt seitdem in seiner ganzen Pracht. Er ist der Öffentlichkeit nicht nur als ein Ausstellungsobjekt in der Reihe der historischen Interieurs zugänglich, sondern wird vor allem als Konzertsaal und Vortragsraum benutzt (auch die Musikhochschule veranstaltet darin wieder Konzerte). So ist dieser ehemalige Festsaal wieder in die Nähe seiner ursprünglichen Funktion als repräsentativer Mittelpunkt eines großen Hauses gerückt.

Noch eine weitere Maßnahme sei hier erwähnt, die dem Budge-Palais ein Stück von seinem alten Glanz zurückgegeben hat. 1995 wurde das ehemalige Esszimmer (der schon oben erwähnte Raum mit Holztäfelung und schmiedeeisernem Gittertor, über den man früher in den Spiegelsaal gelangen konnte) aufgrund einer Initiative der Hochschulstiftung und mit finanzieller Unterstützung privater Sponsoren gründlich restauriert. Um vier Deckengemälde von Theophile Auguste Vauchelet, stilvolle Messingkronleuchter und neue Bestuhlung reicher, wird er seitdem als ein repräsentativer historischer Kammermusikraum von der Musikhochschule genutzt. Angesichts der aufwändigen Verschönerung war klar, dass die bisherige nüchterne Numerierung als "Raum 18" in eine stilvollere Bezeichnung umgewandelt werden musste. In einem hochschulinternen Wettbewerb 1995 wurde von einer Jury der Name "Mendelssohn-Saal" ausgewählt. An der Stelle, wo ehemals der Spiegelsaal stand, befindet sich heute das Orgelstudio.

(Dieser Artikel wurde dem Band 1 der Schriftenreihe "Musik und" entnommen: Kunsträume Studium Innenansichten, 50 Jahre Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Herausgeber: Hanns-Werner Heister, von Bockel Verlag, ISBN 3-932696-32-8).