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Manfred Stahnke

 

Kunst und Wissenschaft – Reflexionen auf György Ligeti 

Ligeti suchte Kunst als etwas der Wissenschaft Vergleichbares, wenn auch nicht als etwas Ähnliches oder gar Gleiches. Er hatte das penible Forschen Bartóks von innen kennen gelernt, hatte dessen Wachsrollen unter den Fingern gehabt (und sie durch zu viel Abspielen teils verdorben, sagte er). Er hatte das Innenleben von Klängen zunächst im Elektronischen Studio in Köln (ab 1957) und dann viel später (ab 1972) in Stanford bei John Chowning erforscht. Er kannte die großen Kunstbetrachter wie Ernst Gombrich in- und auswendig, oder jene Musikwissenschaftler wie Ursula Günther oder Gerhard Kubick, die sich mit der ars subtilior des späten Mittelalters oder mit afrikanischer Musik auf höchstem Niveau befasst hatten.

Ehrliche, fragende Forschung war Ligeti das liebste. Sein höchstes Ziel scheint komplexe Polyphonie gewesen zu sein. "Komplexität" wird bei Ligeti immer "Wahrnehmbares" meinen. Nie ging es ihm um Komplexität, die nur in der Analyse am Schreibtisch wieder aufscheinen würde. Bach war für ihn nicht komplex wegen seiner Strukturfindung im Papierraum, sondern er war komplex wegen des Aufscheinens extremer Vieldeutigkeit im Hörraum. Sicherlich war Ligeti der stets Suchende. Endgültige Lösungen mochte er absolut nicht. Ligeti stand dafür, "Theorien" als nur lokal gültig anzusehen, jede kompositorische "Lösung" als zeitlich begrenzt aufzufassen und stets auf Tauglichkeit abzuklopfen. Er sah die Tragik des Musikschreibens: Haben wir ein Hörding gebaut, wird es als Konzept schnell alt: Atmosphères ist zwar immer wieder neu interpretierbar, aber nicht neu komponierbar. Genauso ging das Horntrio nur einmal. 

Die Klavieretüden dagegen sind ein Gesamtkonzept, wie ein Gefäß, in dem die Zeit still steht und wo für Ligeti vielleicht nicht der Fraß des Altwerdens existierte. Eine Rettung, die der späte Ligeti fand. Seine merkwürdigen beiden letzten Etüden müssen wir bedenken, wenn wir Ligeti verstehen wollen: Diese Kanons im immer enger werdenden Abstand. Die nächste Etüde wäre nach dieser Logik ein Null-Abstand eines Kanons geworden: Die Aufhebung des Kanons. Die Auslöschung. Denken wir an die letzten Bilder Paul Klees, wo der weiße, fahle Engel erscheint. Mit seinem Kreuz - "Kreuz" für Auslöschung und vieles andere stehend... 

 

Biographie 

Manfred Stahnke, 1951 in Kiel geboren, studierte ab 1966 in Lübeck, Freiburg, Hamburg und in den USA Komposition und Musikwissenschaft. Er legte das Examen in "Musiktheorie und Komposition" 1973 in Freiburg ab. 1979 promovierte er in Hamburg bei Constantin Floros über Pierre Boulez. Frühes Interesse für Malerei, Stimmungssysteme und Improvisation (Klavier). Hauptlehrer waren Wolfgang Fortner, Klaus Huber, Ben Johnston und vor allem György Ligeti in Komposition sowie Hans-Heinrich Eggebrecht, Peter Petersen, Constantin Floros, Elmar Budde in Musikwissenschaft. Seit 1989 Professor für Komposition und Musiktheorie an der Musikhochschule Hamburg. 1992 Mitbegründer des Ensembles Chaosma. Buchherausgeber "Musik - nicht ohne Worte" (Dozenten der Hochschule), "Mikrotöne und mehr" (über die Ligetiklasse in Hamburg), "Den Ton finden" (Sammlung eigener Schriften). Als Komponist tätig im Musikbeirat des Goethe-Instituts München. Seit 1999 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg. Werke: 3 Streichquartette / 3 Kammeropern, u.a. "Orpheus Kristall" Münchener Biennale 2002 / 3 Orchesterwerke, u.a. "traces des sorciers" (Spur der Zauberer) SWR 1997 / 2 Konzerte: "Saxophone Symphony" 2003 / "Violinkonzert" 2006 / diverse Kammermusiken. 

Vollständige Werkliste unter: www.manfred-stahnke.de 

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