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Konzert-Programm

 

Freitag, 13. Juni 2008, 20:00 Uhr 

Forum der Hochschule 

 

JETZTMUSIK MIT NEUEN KLARINETTEN 

 

Bohlen-Pierce-Klarinetten (2007 erstmals gebaut in Toronto durch Stephen Fox) und Klassische Klarinetten: 

Anna Christina Bardeli 

Nora-Louise Müller 

begleitet von Victoria Reich – Perkussion, Xiaorui Hao – Viola, 

Andrej Koroliov - Synthesizer 

 

Organisation: Georg Hajdu und Manfred Stahnke 

Technische Betreuung: Katharina Raspe 

 

Eine Veranstaltung des STUDIO 21 für aktuelle Musik. 

Garderobengebühr: € 1,--/ Garderobenabgabepflicht 

Eintritt und Programm frei 

 

Programm: 

 

Einführung mit Manfred Stahnke, Georg Hajdu und Heinz Bohlen  

 

Peter Michael Hamel: 

Die Umkehrung der Mitte für zwei Bohlen-Pierce-Klarinetten, Viola, Marimba und Vibraphon. (UA) 

 

Alina-Maria Dumbrava-Rötzer: 

Das Ereignis für Klarinette solo 

 

Manfred Stahnke: 

Die "Vogelmenschen" von St. Kilda Duo für zwei Bohlen-Pierce-Klarinetten (UA) 

Renate M. Birnstein: 

Kassiopeias Lied 

für Klarinette solo 

_______________PAUSE ____________ 

 

Sascha Lino Lemke: 

Pas de deux für eine Klarinette in B, eine Bohlen-Pierce-Klarinette und Elektronik (UA) 

Wolfgang-Andreas Schultz: 

Wandlungen eines gefallenen Engels 

für Klarinette solo 

 

Fredrik Schwenk: 

Night Hawks - dark scene for two clarinets für eine Klarinette in B und eine Bohlen-Pierce-Klarinette (UA) 

 

Georg Hajdu: 

Beyond the Horizon für zwei Klarinetten und Synthesizer in Bohlen-Pierce-Stimmung (UA) 

*** 

Die MusikerInnen: 

Anna Christina Bardeli 

wurde in Hamburg geboren, bekam 1995 den ersten Klarinettenunterricht bei Falko Rhody. Weitere Lehrer in Hamburg waren Petra Hahn und Prof. Dietrich Hahn. 1997 gewann sie einen Bundespreis im Wettbewerb „Jugend musiziert“. 1997-2000 wirkte sie im Albert-Schweitzer-Jugendorchester und Hamburger Jugendorchester. 1999-2004 studierte sie das Fach Diplomorchestermusik Klarinette bei Prof. Wolfgang Mäder an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig und bekam Es-Klarinettenunterricht bei Mathias Kreher, Gewandhausorchester. 2004 begann sie ein Aufbaustudium Klarinette bei Prof. Reiner Wehle an der Hochschule für Musik Lübeck. Neben vielerlei Tätigkeiten in Orchestern und an Musikschulen ist sie seit 2006 Klarinettistin im Ensemble 21 der HfMT. 2007 bekam sie den 1. Preis sowie Jurypreis im Internationalen Wettbewerb „Union Grand Duc Adolphe“ (Luxemburg) mit dem Bläserquintett Cassiopeia. Sie besuchte Meisterkurse bei Eduard Brunner, Hans Deinzer, Alois Brandhofer, Martin Spangenberg, Jörg Widmann. 

 

Nora-Louise Müller 

studierte Musikerziehung an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und setzte ihr Klarinettenstudium anschließend an der Musikhochschule Lübeck in der Klasse von Prof. Reiner Wehle in der Künstlerischen Ausbildung fort. Daneben vervollständigte sie ihre Studien über mehrere Jahre hinweg durch Kurse an der Scuola Internazionale di Perfezionamento Musicale in Piacenza, Italien bei Prof. Hans Deinzer. Durch Experimentierfreude und Forschergeist kam es 2007 zur Gründung des Ensembles Klangunion, das zur Zeit unter anderem als Ensemble für das Projekt "Composer in Residence" beim Festival chiffren - Kieler Tage für Neue Musik agiert. Zum Bohlen-Pierce-Projekt kam sie über ihre Mitwirkung im Ensemble 21 und in der Network Performance "Disparate Bodies" an der HfMT. 

 

Xiaorui Hao 

wurde 1981 in Chonqing VR China geboren. Mit vier Jahren bekam er den ersten Violinunterricht. Im Jahr 1998 fing er mit der Viola an, ab 2000 studierte er am SiChuan Konservatorium, Abschluss 2004. Im Jahr 2001 bekam er ein Stipendium für einen Meisterkurs in Dartington in England bei Prof. Philip Dukes und dem Schubert Ensemble London. 2004 setzte er sein Studium fort bei Frau Prof. Hideko Kobayashi an der Musikhochschule Mannheim, Abschluss 2007, und wechselte im Oktober nach Hamburg in die Klasse von Prof. Thomas Selditz. 

 

Victoria Reich 

studiert Perkussion bei Massimo Drechsler, Cornelia Monske und Stephan Cürlis an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Derzeit arbeitet sie als Koordinatorin im Ensemble 21 der HfMT, in dem sie auch als Perkussionistin tätig ist. 

 

Andrej Koroliov 

studierte Klavier bei Prof. Marian Migdal 2002-2007, Diplom 2007, und Komposition bei Prof. Peter Michael Hamel und Prof. Manfred Stahnke 2007 bis jetzt. Er arbeitete unter anderem mit dem Ensemble Intégrales auf dem Schleswig-Holstein-Musikfestival 2007. Er war vielfach beteiligt an Neue Musik-Projekten innerhalb und außerhalb der Hochschule. 

 

Die Bohlen-Pierce-Skala 

Die Bohlen-Pierce-Skala unterteilt die Oktave+Quinte (Duodezime, Frequenzverhältnis 3:1) in dreizehn gleiche Tonstufen. Sie wurde unabhängig von Heinz Bohlen (Erstentdeckung in Hamburg nach Kontakten mit Musikern an dieser Hochschule), Kees van Prooijen und John R. Pierce in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt. Für die Klarinette ist diese Skala interessant, weil das Instrument in die Duodezime überbläst und sich somit die Skala nicht, wie in unserem gewohnten Zwölftonraum, oktavidentisch wiederholt, sondern erst nach Oktave+Quinte. Die einfache Quinte und die Oktave existieren nicht in dieser Skala, sondern nur Vielfache eines ungefähren 3/4tonschritts (exakt 146.3 Cent). 

Die Bohlen-Pierce-Skala enthält viele konsonante Intervalle, die aber zum größten Teil nicht im normalen klassisch-westlichen Zwölftonsystem auftauchen. Ein "Grundakkord" dieser Skala ist nah dem naturreinen Frequenzverhältnis 3:5:7:9, wobei nur das erste Intervall einfach zu beschreiben ist: reine große Sexte 3:5. Über die Naturtonreihe lässt sich dieser Akkord einfach verstehen: Er schließt Naturterz und Natursept über dem gedachten Grundton "1" ein. Der weitere Reiz der Skala ist der exotische Skalenschritt von 146.3 Cent, fast exakt zwischen Halb- und Ganzton gelegen.

Texte der Komponisten zu den Bohlen-Pierce-Stücken: 

Hamel 

"Die Umkehrung der Mitte" 

IX 2007 

für zwei Bohlen-Pierce-Klarinetten, Viola, Marimba und Vibraphon. 

Komponiert auf Anregung von Georg Hajdu 

Drei Basistöne scheinen diatonisch dem "alten" System nah und etwa am Klavier spielbar: 

das kleine d, tiefster Ton D der Bratsche, tiefstes D auf der Marimba - das hohe e, zweithöchster Ton auf dem Vibraphon. Alles ist vom sogenannten Kammerton A aus nach oben und unten gespreizt/gespiegelt. Das notierte h (bell) 442 Hz, klingend a als Mitte. 

Entfaltung der Tonschritte wie im (nord)-indischen Ragavortrag (Alap), Umkehrung der auf- und absteigenden Phrasen. Der Mittelteil als ein heterophones Gewebe. Der dritte Teil als Rekurs und formale Umkehrung: Aufstülpung des gespiegelten Raumes. 

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Stahnke 

benutzt in den "Vogelmenschen..." (die weder Schrift noch Spiegel kannten) einige Möglichkeiten der naturton-nahen Stimmung der Bohlen-Pierce-Skala. Im Beispiel unten sind zwei Naturtonreihen aufgeführt (das jeweils obere System zeigt die gegriffenen Töne, das untere den Klang mit den Naturtönen 3, 5, 7, 9, 15, 21, 27 über den Fundamentaltönen G und B (dieses B ist um 7 Cent tiefer, eben wie die Bohlen-Pierce-Skala den Ton gibt): 

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Lemke 

"Pas de deux" kombiniert die klassische B-Klarinette mit einer sog. Bohlen-Pierce-Klarinette. Im Gegensatz zur klassischen Klarinette, die für die gewöhnliche chromatische Tonleiter konzipiert ist, benutzt die Bohlen-Pierce-Klarinette eine ebenfalls gleichstufige Skala, deren Schritte etwas kleiner sind als ein Halbton plus Viertelton. In "Pas de deux" kombiniere ich nun diese "chromatischen" Skalen, meist in Form von simultan absteigenden Linien. Da die Bohlen-Pierce-Klarinette durch die größeren Tonschritte im Tonraum schneller voran kommt als die klassische Klarinette, ergeben sich zwei Linien, die im Einklang beginnen, dann auseinanderstreben und sich irgendwann wieder aufeinander zubewegen. Diese Zweiklänge habe ich durch zusätzliche Differenz- und Summationstöne zu merkwürdigen Akkorden ergänzt. Neben diesen Akkorden spielen auch bewusst Schwebungen zwischen beinahe gleichen Tönen der beiden Instrumente eine Rolle sowie das Gegenteil, nämlich reine Obertonarpeggien. 

Eine Graphik von den Akkorden, mit denen ich gearbeitet habe:

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Schwenk 

Das für eine Bohlen-Pierce-Klarinette und eine B-Klarinette konzipierte Stück Night Hawks, dark scene for two clarinets setzt im Prinzip das bereits 1994 komponierte Stück Folsom Street für Altflöte und Klopfgeräusche zumindest atmosphärisch fort. Hier wie dort zeichnen kleine motivartige Fortspinnungselemente die dunklen und verruchten Brachflächen stillgelegter Industriegelände nach, wie wir sie etwa aus dem Film Stalker von Andrej Tarkowsky kennen. In Night Hawks flackern durch die beiden in unterschiedlichen Stimmungen intonierenden Klarinetten die Lichtkugeln trüber verrußter Gaslaternen. Mit derwischartigen fahrigen Gesten entsteht plötzlich ein grotesker Intonationsstreit der beiden Instrumente, wie wenn zwei Nachtfalter um die Gunst des schäbigen Lichtscheins buhlten. 

Harmonische Grundlage des Stücks sind zwei unterschiedliche „Ganztonleitern“: 1. im wohltemperierten System, also sechs Ganztonschritte pro Oktave umfassend, und 2. im Sinne der von Bohlen-Pierce entwickelten Skala (dem Ganzton fehlt ungefähr ein Viertelton). Dabei beginnt und fällt das Stück immer wieder auf beinahe gemeinsame, also minimal getrübte Töne zurück, um sich von neuem intonatorisch zu reiben. 

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Hajdu 

"Beyond the Horizon" für zwei Bohlen-Pierce-Klarinetten und Synthesizer ist ein Ergebnis meiner fortgesetzten Beschäftigung mit der Bohlen-Pierce-Skala, die sich durch ihre besonderen akustischen Eigenschaften auszeichnet und somit wie für die Klarinette geschaffen ist. Dabei steht auch die hypothetische und eher philosophische Annahme im Vordergrund, wie eine Welt aussehen würde, wenn sie, wie das Klarinettenspektrum, nur aus ungeraden Zahlen bestünde. Aber gerade solche Annahmen regen die Phantasie des Komponisten an, im Bemühen, Parallelwelten zur omnipräsenten 12Tönigkeit zu erschaffen. Da bei Bohlen-Pierce die Duodezim, oder Tritave - wie Bohlen den Oktaversatz nennt - im Vordergrund steht, liegt es nahe, mit Mitteln der Computertechnologie Klänge zu konstruieren, bei denen die Obertonreihe so gestreckt ist, dass der zweite Teilton dort zu liegen kommt, wo sich normalerweise der dritte befindet. Diese künstlichen, nach Glocke klingenden Spektren wurden dann leicht modifiziert, um ihre so genannte sensorische Dissonanz bei Zwei- und Mehrklängen zu minimieren. Dadurch ergibt sich eine Übereinstimmung der spektralen, harmonischen und tonalen Dimension, wie wir sie auch bei dem 12stufigen Tonsystem kennen. 

Der von Marcia Lemke-Kern vorgetragene Text der Kosmologen Lawrence M. Krauss und Robert J. Scherrer ("End of Cosmology?") versteht sich als Anregung, über die Existenz von parallelen (auch tonalen) Welten nachzudenken, die vielleicht bereits aus dem Blickfeld verschwunden sind.