Fabia Mantwill

Kreative Weltenbummlerin

Jazzerin Fabia Mantwill liebt es, an und über Grenzen zu gehen

vom 27.12.2018

Trotz ihres jungen Alters gehört die 1993 in Berlin geborene und in Chemnitz aufgewachsene Saxophonistin und Vokalistin Fabia Mantwill bereits zu den etablierten Größen in der deutschen Jazz-Szene – und dies mit einem ausgeprägten internationalen Einschlag. Sie hat Afrika, Asien, Europa und Südamerika bereist und die verschiedenen musikalischen Erfahrungen und kulturellen Einflüsse in ihre Kompositionen einfließen lassen. Zudem hat sie in den vergangenen Jahren Einladungen zu einer Reihe erstklassiger Workshops nach Kanada und Amerika erhalten. 2016 wurde sie mit der Betty Carter’s Jazz Ahead Residency ausgezeichnet und stand im berühmten Apollo Theater in Harlem auf der Bühne.

Nach ihrem Studium am renommierten „Jazz-Institut“ in Berlin und an der „Sibelius Academy – University of the Arts Helsinki“ in Finnland ist Fabia seit Oktober 2017 Studentin im Dr. Langner Jazz Master Programm der HfMT – eine echte „Win-Win“-Situation sowohl für die Hochschule als auch die Musikerin. „Dieses Programm ist einzigartig, weil es mir ermöglicht ganz konkret und fokussiert an meinen Zielen als Musikerin und Komponistin zu arbeiten, mit Professoren und Lehrern aus ganz Deutschland aber auch international. Das gibt es in Deutschland nur in Hamburg! Ich kann mich frei und individuell auf meine Instrumente aber eben auch Komposition/Arrangement gleichermaßen fokussieren. Der Studiengang ermöglicht es mir, mein Konzept „Schreiben für genreübergreifende Ensembles" von kleinen Ensembles bis hin zu großen Orchestern zu vertiefen und bei großartigen Musikern wie Christian Elsässer, Marcio Doctor und Ruta Paidere Unterricht zu bekommen.“

Dass Fabia parallel zu ihrem Masterstudium zahlreiche eigene Projekte am Laufen hat scheint sie weniger zu belasten als zu beflügeln. „Die aktuellsten News sind, dass ich als eine der acht Arrangeure weltweit ausgewählt wurde, ein Arrangement für das Metropole Orkest zu schreiben, welches am 30. Oktober mit dem Metropole Orkest unter der Leitung von Vince Mendoza und mit Becca Stevens als Gast Solistin uraufgeführt wird. Außerdem habe ich im Januar 2017 ein Orchester ins Leben gerufen - das „Fabia Mantwill Orchestra“. Das ist ein Kammerorchester kombiniert mit einem Large Ensemble, das heißt sechs Bläser und erweiterte Rhythmusgruppe. Wir haben im Februar 2017 zwei Konzerte in Berlin gespielt mit einem Programm, welches ich eigens für diese Besetzung geschrieben habe und das den Titel „Begegnungen“ trägt. Der Kern des Programms bildet die „Suite der Begegnungen“ und das wird ergänzt mit weiteren Eigenkompositionen und Arrangements von traditionellen Titeln, darunter z.B. Volkslieder aus Finnland, Brasilien und Irland.“

Zur Zeit dieses Gesprächs befand sich Fabia auf Tour. Auch das scheint sie mühelos in ihre Karriere zu integrieren. Anfang Juni 2018 hat sie mit ihrem Quintett, mit der Basslegende Greg Cohen, dem Gitarristen Rob Luft aus England, dem Berliner Schlagzeuger Ludwig Wandinger und der Cellistin Emily Wittbrodt, beim Elbjazz in Hamburg und im A-Trane in Berlin gespielt. In Düsseldorf war sie kurz danach als Gast-Solistin bei dem 30-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Düsseldorf, Chemnitz, Haifa und Reading eingeladen. Danach spielte sie beim Kopenhagener Jazzfestival und für eine Woche jettete sie nach London um sich ein paar ausgewählte Konzerte anzuhören, und mit befreundeten Musikern an verschiedenen Projekten zu arbeiten.“

Artet dieses viele Umherreisen nicht in Stress aus? „Im Gegenteil: Ich liebe das Reisen sehr. Ich liebe es, Neues zu entdecken, andere Kulturen und Traditionen zu erleben, in der Natur zu sein und an meine Grenzen zu gehen. Ich lerne auf diesen Reisen so viel über andere Menschen und Kulturen, aber auch über mich selbst und merke wie viel Inspiration ich daraus schöpfe und wie stark sich das auf meine Sprache als Musikerin, Komponistin und Arrangeurin auswirkt. Angefangen hat das Fernweh auf einer Konzertreise in Indien 2009, und seitdem versuche ich mir immer wieder mal für ein paar Wochen wegzufahren. Aber es gibt natürlich auch Phasen, in denen ich mir ausschließlich Zeit zum Komponieren nehme. Gerade habe ich eine Woche lange von früh bis abends an meinem Klavier gesessen und geschrieben.“

Gibt es bei einer so vielseitig interessierten Musikerin stilistische Vorlieben? Und wie sieht es mit den von Künstlern vielzitierten „magischen Momenten“ beim Musizieren aus?
„Es sind jene Momente, in denen mich Musik berührt und ich emotional reagiere, die mir in Erinnerung bleiben und nach denen ich suche. Manchmal ist es schwer zu erklären warum man auf bestimmte Musik reagiert, aber das eigentlich auch egal. In solchen Momenten lasse ich mich einfach darauf ein und genieße. Und dabei ist es mir ganz egal in welche Stilistik oder in welches Genre man diese Musik einordnen kann - ob Jazz, Klassik, Folk, Singer-Songwriter, Soul ... Ich glaube die Grenzen verschwimmen da immer mehr. Ich finde es nicht nötig Musik in ein Genre einzuordnen oder zu kategorisieren.“

Wirkt sich das auch auf ihre musikalischen Vorbilder aus? Und gibt es diese überhaupt?
„Ich werde von ganz unterschiedlichen Dingen inspiriert - durch besondere Menschen die ich kennen lerne, Gefühlszustände, durch die Natur und die Wahrnehmung meiner Umgebung, durch unbekannte traditionelle Musik anderer Völker und deren Art Musik zu machen und natürlich auch von Aufnahmen, die ich besonders interessant finde. Und was meine Vorbilder betrifft: Es gibt so viele tolle Musikerpersönlichkeiten. Wenn ich einfach mal ein paar nennen sollte wären auf jeden Fall dabei: Maria Schneider, Joni Mitchell, Lester Young, Björk, Debussy, Bobby McFerrin, Dexter Gordon, Stevie Wonder, Sonny Rollins, Vince Mendoza, Michael Jackson, Aretha Franklin und noch einige mehr. Vor allem aber bin ich sehr glücklich und dankbar für die vielen wundervollen Menschen und Musiker mit denen ich die Chance habe und hatte Zeit zu verbringen, Gedanken zu teilen und zusammen Musik zu machen“.

Wer diese außergewöhnliche Musikerin live in Hamburg erleben will, muss sich noch ein wenig gedulden. Am 20. November werden die Dr. Langner Jazz Master Studenten/innen zusammen mit der Jungen Norddeutschen Philharmonie und weiteren Musikern im kleinen Saal der Elbphilharmonie ein Konzert spielen. An diesem Abend wird Fabia auch einige ihrer Kompositionen präsentieren. Doch dabei bleibt es natürlich nicht.
„Momentan bin ich in der Planung einer Konzertreihe für 2019 in der Halle 424 mit meinem Orchester. Die konkreten Termine stehen zwar noch nicht fest, können aber rechtzeitig auf meiner Website www.fabiamatwill.com eingesehen werden. Außerdem werde ich nächstes Jahr mit meinem Quintet und meinem Duo YRJON auch wieder in Hamburg spielen. Auch hier sind wir noch in der Planung.“

Text: Dieter Hellfeuer
Foto: Dovile Sermokas