Portrait Anaelle Tourret

„Da klang die Harfe wie ein Löwe!“

HfMT-Alumna Anaëlle Tourret erspielt sich Spitzenposition in der Elbphilharmonie

vom 10.09.2018

Das nennt man Karrieresprung: Unsere Alumna Anaëlle Tourret wird ein knappes Jahr nach ihrem Konzertexamen an der HfMT die neue Solo-Harfenistin beim NDR Elbphilharmonie Orchester! „Als das Ergebnis des Vorspielens bekannt gegeben wurde, konnte ich es kaum glauben. Meine Dankbarkeit gilt vor allem und zuerst Xavier de Maistre, bei dem ich vier Jahre studiert habe. Er ist ein phantastischer Lehrer, der über unglaubliche Erfahrungen sowohl als Solist wie als Orchestermusiker verfügt.“

Die zierliche Französin, die neben de Maistre von Ghislaine Petit-Volta und Nicolas Tulliez ausgebildet wurde, tritt damit eine Stelle im – aufgrund des exklusiven Arbeitsplatzes – derzeit wohl begehrtesten deutschen Sinfonieorchester an – und das mit einem Instrument, das zu den Exoten im klassischen Orchesterbetrieb zählt. „Im Vergleich zu den meisten anderen Orchesterinstrumenten gibt es natürlich nur sehr wenig Stellen für Harfen. Und durch die große Konkurrenz steigt auch der Anspruch an die Bewerber, was wiederum dazu führt, dass die Harfenisten im Vergleich zu früher heute technisch auf einem viel höheren Niveau sind. 2018 war übrigens ein gutes Jahr für uns Harfenisten, da eine Reihe von Orchesterstellen neu zu besetzen waren. Dafür gab es in den Jahren davor so gut wie keine Ausschreibungen. Ich hatte also ziemliches Glück!“

Ob man als Harfenistin eine Sonderstellung als Einzelkämpferin innehat? „Das würde ich eigentlich nicht so sehen. Ich bin mit meinem Instrument Teil des Orchesters – wie Streicher oder Bläser. Und ich muss mich bei der Vorbereitung auf ein Konzert ebenso intensiv wie die anderen Musiker auf die klangliche Umsetzung der Partitur einstellen. Einen Unterschied gibt es trotzdem: Die Harfe hat keine Tasten, und es gibt auch keine Bögen. Zur Verfügung stehen mir also nur die Saiten sowie die sieben Pedale, die jeweils drei verschiedene Stellungen haben. Um Halbtöne zu spielen, verkürze oder verlängere ich die Saiten, indem ich das jeweilige Pedal nach oben oder unten bewege. Diese Hand-Fuß-Koordination ist extrem wichtig. Denn wenn man zwar mit den Fingern perfekt spielt, aber das falsche Pedal benutzt, hört man das sofort. Für mich ist ein wichtiger Aspekt in der Vorbereitung außerdem, sehr langsam zu spielen. Das macht sich später im Konzert sehr bezahlt.“

Die Harfe wird gerne mit dem Etikett eines Saloninstrumentes versehen, wozu sicher auch die häufige Verwendung im folkloristischen oder gar esoterischen Bereich beiträgt – von den kitschigen Bildern mit harfespielenden Engeln ganz zu schweigen. Stört sie dieses Klischee? „Eigentlich nicht. Das Orchesterrepertoire für Harfe ist sehr reich und vielfältig. Es gibt in Oper, Ballett und in der sinfonischen Musik zahlreiche Kompositionen, in denen die Harfe eine tragende Rolle spielt. Und in den letzten Jahren interessieren sich auch zeitgenössische Komponisten stärker für unser Instrument, was nicht zuletzt auch das Verdienst von so hervorragenden Musikern wie dem Anfang der 90er Jahre verstorbenen Musiker Pierre Jamet oder gegenwärtig Xavier de Maistre ist.“

Dass Anaëlle ein Faible für zeitgenössisches Repertoire hat, spiegelt sich auch in ihrer musikalischen Vita wider. So arbeitet sie mit Komponisten wie Alain Louvier, Menachem Wiesenberg, Ami Maayani, Michel Lysight oder Tomas Koljatic zusammen. Mit Letzterem begleitete sie am Pariser Centre Pompidou die Publikumseinführung der MIDI Harfe im IRCAM (Institute for Research and Coordination in Acoustics/Music). Anaëlle war darüber hinaus Artist in Residence des Festival d’Aix-en-Provence 2017 sowie Stipendiatin der Lucerne Festival Academy. „Dort haben wir ein Stück von dem von mir überaus verehrten Heinz Holliger aufgeführt. Da klang die Harfe in manchen Passagen wie ein Löwe!“
Nachdem Anaëlle Tourret im September ihr Antrittskonzert mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester absolviert hat, können sich die Hamburger von den musikalischen Qualitäten unserer Alumna regelmäßig persönlich überzeugen. Angst vor großen Namen braucht sie nicht mehr zu haben, schließlich hat sie in der Vergangenheit unter international gefeierten Dirigenten wie Esa-Pekka Salonen, Mikko Franck, Christoph Eschenbach, Thomas Hengelbrock, Vassili Petrenko, Kent Nagano oder Eugene Tzigane in namhaften Orchestern gespielt.

TEXT DIETER HELLFEUER
FOTO CHRISTINA KÖRTE