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PASST DAS ZUSAMMEN? JA!

Jazz-Harfenistin Milena Hoge nutzt im Lockdown neue Potentiale

vom 03.09.2020

Die Kombination Harfe und Jazz wird wohl bei den meisten Menschen eher Verwunderung auslösen, steht das im wahrsten Sinne des Wortes vielsaitige Instrument doch eher für elegante Klassik und einschmeichelnde Folklore. Eine Musikerin, die beweist, dass sie mit der Harfe durchaus auch in den improvisatorischen und rhythmischen Gefilden der Jazz-Musik Akzente setzen kann, ist MILENA HOGE. Die gebürtige Hannoveranerin studiert seit dem Wintersemester 2018/19 an der HfMT im Bereich Jazz bei dem Jazzpianisten Burghardt Braune und der Harfenistin Isabel Moreton. Zuvor hatte sie an der Hochschule für Musik in Detmold ihren Bachelor in klassischer Harfe und Instrumentalpädagogik gemacht. Bereits in ihrer damaligen Bachelorarbeit mit dem augenzwinkernden Titel ‚Breaking out of the Harpbubble and playing with the big kids‘ – Harfe, Jazz und Gender widmete sie sich ausführlich der Harfe im Jazz. Als Instrumentalistin ist sie in verschiedenen Ensembles und Weltmusikprojekten aktiv.

Fruchtbar auf den Kopf gestellt – und dennoch: Sehnsucht nach unmittelbarer Präsenz

Das Interview mit der inzwischen mehrfach ausgezeichneten Preisträgerin fand Anfang Juli statt, zu einem Zeitpunkt, in dem das Thema Corona noch omnipräsent war, zugleich waren aber an der Hochschule die ersten spürbaren Lockerungen vom Lockdown in Kraft getreten. Lag also die Frage nahe, wie sehr sie die Kontakt- und Auftrittsverbote in ihrem Studium beeinträchtigt haben.

Gab es Möglichkeiten der Kompensation oder gar neue kreative Alternativen im Musizieren und Unterrichten? „Meinen Arbeitsalltag hat der Lockdown tatsächlich komplett auf den Kopf gestellt. Da ich kein Bafög erhalte und meinen Lebensunterhalt aus freiberuflicher Tätigkeit als Harfenistin sowie einem Job als studentische Hilfskraft an der HfMT bestreite, hat mich diese Krise auch finanziell nicht unberührt gelassen. Andererseits bin ich sehr dankbar, dass ich während des Lockdowns die Möglichkeit hatte, Abstand zu gewinnen und mich neu auf die zentralen Aspekte meiner Arbeit zu fokussieren. Diese Zeit hat in mir eine intensive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten einer Verortung meines musikalischen Schaffens im größeren kulturellen, sozialen und auch politischen Kontext angestoßen, von der ich hoffe, dass sie in der Zukunft Früchte tragen wird. Gleichzeitig fehlt mir jedoch vor allem das regelmäßige gemeinsame Spielen in Ensembles und Projekten und die unmittelbare Anwesenheit und Energie eines Publikums sehr.“

Das klingt ein wenig nach der berühmten „Krise als Chance“. Gibt es Beispiele für positive Nebenwirkungen des Lockdowns? „Ja, die gibt es. Die zeitlichen Ersparnisse durch die Arbeit online und von zu Hause sind nicht zu verachten und ermöglichen eine angenehm effiziente Strukturierung des Arbeitsalltags. Ich habe in diesem Semester viel Neues lernen können und bin mir sicher, dass der Umgang mit den entsprechenden Programmen und Strategien, um im digitalen Rahmen zu lernen und zu arbeiten, auch in Zukunft relevant sein wird. Via Zoom zu unterrichten, hat sich als durchaus praktikable Alternative erwiesen. Die zunehmende Verbreitung digitaler Angebote hat mir außerdem ermöglicht, mich auch international besser und unkomplizierter zu vernetzen und auszutauschen.“

„Diese Erfahrungen sind Gold wert.“ – noch mehr Potenzial für produktive Vernetzung

Ein Blick zurück in Vor-Corona-Zeiten: Welche Gründe sprachen für ein Studium an der HfMT?
„Während meines klassischen Bachelorstudiums in Detmold informierte ich mich über die Jazzstudiengänge an verschiedenen Hochschulen und nahm Kontakt auf, um meinen Weg mit der Harfe in den Jazz zu ebnen. Über meinen Bekanntenkreis hatte ich bereits von der Experimentierbereitschaft, den häufigen genre-übergreifenden Projekten und der gleichzeitig langen Tradition des Hamburger Jazzstudiengangs gehört. Nach einer ersten Unterrichtsstunde bei Burghardt Braune am Jazz-Piano wurde Hamburg schnell zu meinem Favoriten.“

Wie haben Sie das Studium an der HfMT in diesen beiden ersten Jahren wahrgenommen?
„Die HfMT hat es mir leicht gemacht, im Hochschulalltag anzukommen und mich willkommen zu fühlen. Im Jazzstudiengang erfahren wir Studierenden individuelle Unterstützung und einen inspirierenden Austausch. Die HfMT bietet ein weit gefächertes Spektrum an Vorlesungen und Seminaren mit der Möglichkeit zu interdisziplinärem Austausch und Zusammenarbeit. Ich habe den Eindruck, dass dieses Potenzial zur produktiven Vernetzung von verschiedenen musikalischen Bereichen, Wissenschaft, Theater und Pädagogik manchmal sogar noch voller ausgeschöpft und hervorgehoben werden könnte. All diese Erfahrungen sind für uns Studierende Gold wert auf unserem Weg zu Professionalität, einer starken, authentischen Musikerpersönlichkeit und umfassender musikalischer Bildung.“

Aufgeschoben nicht aufgehoben – Hoffnung auf Veranstaltungen und Ensembleproben

Zurück zum leider immer noch alles beherrschenden Thema Corona: Gibt es das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels? „Ja und Nein. In jedem Fall sehe ich, dass wir uns nur selber schaden würden, wenn wir Dinge jetzt überstürzten und so täten, als wären wir zurück in der Normalität. Natürlich bin ich sehr froh, dass es wieder möglich ist, die Räumlichkeiten der HfMT zum Üben und für Einzelunterricht zu nutzen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade der Instrumentalunterricht auf Hochschulniveau momentan nicht ansatzweise zufriedenstellend durch digitalen Unterricht ersetzt werden kann, ganz zu schweigen vom Ensembleunterricht. Im Hinblick auf das gemeinsame Arbeiten und Lernen in Ensembles und Bands hoffe ich sehr, dass Möglichkeiten gefunden werden können, um wieder Proben zu ermöglichen. In diesem Punkt haben wir die Krise besonders zu spüren bekommen. Und die in diesem Jahr „verschobenen“ Veranstaltungen werden hoffentlich die neuen, entsprechend angepassten Veranstaltungen des nächsten Jahres sein. Wenn in diesem Herbst davon noch so viel wie möglich nachgeholt werden könnte, wäre das natürlich schön.“

Detaillierte Informationen zu Milena Hoges künstlerischem und pädagogischen Wirken sowie aktuellen Projekten finden sich auf ihrer Homepage https://milena-hoge-harp.com

TEXT DIETER HELLFEUER
FOTO: MILENA HOGE CHRISTINA KÖRTE