„ANTWORTEN AUF DAS WARUM FINDEN“

Die Pianistin Dulguun Chinchuluun reflektiert ihren Weg aus der Mongolei nach Hamburg.

Anlässlich des aktuellen Themenschwerpunkts der Hochschulzeitung zwoelf erzählen drei Studierende aus Asien von ihrem persönlichen Weg nach Hamburg an die HfMT – sie schreiben in ihrer Muttersprache. Die deutschen Übersetzungen der Berichte veröffentlichen wir hier als News-Beiträge. Die 27 Jahre alte Pianistin Dulguun Chinchuluun macht den Anfang.

Guten Tag. Ich heiße Dulguun Chinchuluun und studiere den Master of Music an der HfMT bei meiner Professorin Caroline Weichert. Auch meinen Bachelor habe ich schon hier gemacht. Ich bin sehr zufrieden, an dieser Hochschule zu studieren.

Als ich acht Jahre alt war, brachten meine Eltern mich zur eine Musikschule namens Musik und Tanz College. Bei uns fängt die Schule im ganzen Land immer am 1. September an. Diese College war und ist jetzt noch die einzige Schule, in der man bei uns richtig Musik lernen kann. An dem Tag bin ich nicht aufgenommen worden, weil das Zulassungsverfahren längst vorbei war. Meine Eltern wussten nicht, dass es eine Aufnahmeprüfung gibt. Und wir mussten lange warten, bis ich im Dezember endlich aufgenommen wurde.

In den ersten Jahren in diesem College ging es mir sehr schlecht, denn es gab viel Druck von meinen Eltern, von meiner Lehrerin und den Mitschülern. Jeden Monat mussten wir für eine Prüfung vorspielen. Jede Woche hatten wir zwei mal Hauptfachunterricht. Ich habe sehr oft gedacht: „Werden sie mich vielleicht aus der Schule rausschmeißen, wenn ich eine Prüfung absichtlich schlecht spielen werde? Dann kann ich endlich machen, was ich will. Und nicht nur die ganze Zeit am Klavier sitzen.“ Irgendwann habe ich diese Phase überwunden, und es verschwand diese Lustlosigkeit, langsam kam die Freude am Musizieren. Seit 2008 habe ich angefangen, an verschiedenen Wettbewerben teilzunehmen: in Russland, Portugal, Italien, Spanien, Frankreich und in den USA. Da habe ich mich entschieden, dass ich unbedingt in Europa Klavier studieren möchte. Diese Entscheidung hat mich nach Deutschland gebracht.

Ich finde es tatsächlich besser, wenn man fragt: „Warum studierst Du Musik?“ Statt: „Warum studierst Du in Hamburg?“ Deutschland ist eines der wichtigsten Zentren der klassischen Musik. Das weiß jeder, ohne dass ich es sage. Für mich das Beste, hier zu studieren, ist, dass ich Deutsch gelernt habe.

Manchmal fällt es mir schwer zu verstehen, dass manche Studierende nur üben und nichts anderes machen. Um die vielen Stücke, die aus unterschiedlichen Zeiträumen stammen, spielen zu können, sollte ein Musiker nicht nur üben, sondern in die vielen verschiedenen Facetten der Kultur eintauchen, um einen Zeitraum, besser gesagt, die jeweilige Epoche verstehen zu können. Damit meine ich nicht, etwas festzulegen. Das kann ganz schwer werden, etwas festzulegen. Schon ein Mensch hat unglaublich viele Seiten und Lebensabschnitte und natürlich leidenschaftliche Tiefen und Höhen. Die aus solchen Recherchen entstandene eigene Ästhetik sollte zu einer Interpretation führen. Heutzutage machen leider viele – natürlich nicht alle – einfach nach, was man für richtig oder schön hält, ohne dabei die Frage nach dem „Warum“ stellen zu wollen, weil man wahrscheinlich ganz schnell erfolgreich sein will.

Es existieren so viele verschiedene Kulturen auf der Welt. Nehmen wir nur die Mongolei und Deutschland. Die Kultur, die Geschichte und die Traditionen sind grundverschieden. Und ich bin Mongolin und in der Mongolei aufgewachsen. In mir habe ich meine mongolische Kultur. Natürlich kann man die klassische Musik der Mongolei mit jener aus Deutschland vergleichen. Sie ist dasselbe. Es macht also nicht unbedingt einen Sinn, wenn ich ehrlich bin. Die klassische Musik ist in der Mongolei nicht mal seit 100 Jahren beheimatet. Wir Nomaden hatten und haben eine ganz andere Landschaft und Sprache, andere Lebensräume und Instrumente, einen anderen Alltag, eine andere Mentalität. All dies macht unsere Kultur aus. Das bereichert natürlich die klassische Musik. Die Wurzeln der klassischen Musik liegen in Europa. Die Musik ist eine Spieglung der Menschen, der Kultur, der Natur und so weiter. Das ist einfach untrennbar. Für mein Schaffen als Pianistin hier in Deutschland zu studieren, spielt eine tiefgreifende und fruchtbare Rolle in meinem Leben. Die Ziele eines jungen Menschen ändern sich ständig, deswegen vermeide ich, hier etwas bestimmtes dazu zu sagen. Aber das Ziel, das sich mit der Zeit nie ändert, ist klar: Eine gute Musikerin zu werden. Und: Auf dem Weg zu diesem Ziel es niemals zu verlieren, ein guter Mensch zu sein.

TEXT DULGUUN CHINCHULUUN