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Die Kinder der Toten. Elfriede Jelinek (Studienprojekt III, 6. Semester Regie Schauspiel 2019)
Foto: Matthias Oertel

Die Kinder der Toten. Elfriede Jelinek

Studienprojekt III Regie Schauspiel und Dramaturgie

Sonntag 30.06.2019 19:00
Kampnagel, Jarrestraße (k2)

Fünf Regie-Studierende erforschen szenisch den "Kontinent" Jelinek.
Eine widerständige, stets gesellschaftlich engagierte, zurückgezogen lebende, sich dem mainstream verweigernde Dichterin, Sprachkünstlerin und ihre Texte bilden Gerüst und Spielfläche für fünf Studentinnen und Studenten der Hamburger Theaterakademie, für BühnenbildnerInnen der HfBK und KostümbildnerInnen der HAW. Vor allem natürlich für die SchauspielerInnen, die Texten und Gedanken Gestalt und Stimme geben.

Jelinek, seit Jahrzehnten sprachmächtigste Zeit-Genossin, Mahnerin und Spielerin im Grand Guignol der an Vergangenem leidenden Gegenwart wird Impulsgeberin einer Recherche zu den Toten der Gesellschaft und ihren Zombiekindern.

19:00 Uhr Schatten (Eurydike sagt)

»Fern alle Lichtbilder in allen Apparaten, fern die Klicks, die Speicherchips, alle Hits, alle Links, fern alles. Ich Schatten, wie schön habe ich es, nichts mehr, da ist nichts mehr«
Elfriede Jelinek - SCHATTEN (Eurydike sagt)

Vom Recht auf Schweigen. SCHATTEN (Eurydike sagt) blickt auf den Orpheus-Mythos durch die Augen der traumatisierten Eurydike. Die Inszenierung beginnt dort wo ihr alltägliches Leben endet - mit der Erfahrung von sexueller Gewalt. Im Niemandsland zwischen verlorener Normalität und dem Über-Leben nach dem Trauma geht es um das verhallende Echo des Vertrauens ins eigene Urteilsvermögen. Über die unterschiedlichen Körper auf der Bühne thematisieren sich Optionen des Rückzuges. Gewaltsam aus Ihrem Leben gezwungen begeben sich die traumatisierten Figuren in einen sprachlosen Diskurs, in die Isolation unter Isolierten, in eine Welt voller Schatten. In steter Auseinandersetzung mit ihrem Trauma, ihrer Weiblichkeit und den Konsequenzen des Erlebten. Bis hin zum (Nicht-)Ort an den niemand folgen kann.

Die Geschichte, die sich sowohl auf inhaltlicher als auch theatraler Ebene dem gesprochenem Wort entzieht, gibt Opfern das Recht auf Verweigerung einer Aussage zurück und befasst sich stattdessen damit, was es bedeutet, ein Trauma ausschließlich mit sich selbst zu verhandeln.

»Denn wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen«
Heiner Müller - hamletmaschine


Regie Helena Bennett Bühne Naomi Sam Kostüm Coline Meret Lola Jud Licht/Technik Max Bäßler Dramaturgie Marvin L. T. Müller Regieassistenz Alice Sawadski, Tim Frahm Bühnenassistenz Julia Koch, Martha Szymkowiak Kostümassistenz Lara Türkcü, Maja Beyer, Cynthia Krüger, Katrin Unger Musik Blackbird Mantra Es spielen Lorenz Baumgarten, Verena Gerjets, Martin Györffy, Kora Hamm, Elias Handler, Leon Hoge, Sophie Riva, Eteri Margoschvilli, Kristina Nadj, Arikia Orbán, Gesa Penthin, Charlotte Pfingsten, Roxana Safarabadi, Yasmin Saleh

Besonderer Dank an nähPark für die Kostümstoffe.

20:30 Uhr Begierde und Fahrerlaubnis (Eine Pornographie)

Im Jahre 1986 schreibt Elfriede Jelinek Begierde und Fahrerlaubnis, einen Porno. 1989 schreibt sie den Roman Lust, einen Anti-Porno. 2019 schreiben wir uns in Jelineks Porno ein.

Jetzt geht’s los: Wir wollen über unsere Ufer treten in sagen wir einer halben Stunde von jetzt ab. Wir gehen bis zur Präsidentin in die Ersatzzentrale, an die Schallhebel unserer Gier. (1)

Plötzlich schäumt es und Elfriede Jelinek platzt im Vampirkostüm mittels Zeitmaschine direkt aus den 80ern in unsere Probe hinein. Wir fragen sie: „Wie hältst du es denn eigentlich mit der Pornographie (Gretchen-Frage)? Können wir als Frauen*-Kollektiv eine Sprache für Lust und Begehren finden oder hängen wir fest im männlichen Blick auf unsere Körper?“

Elfriede antwortet: „Nein, könnt ihr nicht, denn ‚Sexualität ist Gewalt. (…) Genussfähigkeit von einer weiblichen Seite her aufzuräumen (…) muss misslingen, einfach weil es ja diese weibliche Sprache für Sexualität nicht gibt. (…) Es funktioniert nicht, denn die Frau ist nicht das Subjekt der Begierde, sondern immer das Objekt. Und deshalb müssen sich die Frauen, im Leben wie in der Literatur, letztlich immer an der männlichen Ästhetik orientieren. Ich aber wollte die Frau nicht nur zeigen als eine, die nicht Subjekt der Begierde ist, sondern als eine, die scheitern muss, wenn sie sich zum Subjekt der Begierde macht. Weil sie durch ihre Initiative sozusagen die Begierde des Mannes auslöscht. “ (2)

Aber Elfriede, wen meinst du überhaupt mit Frauen? Heterosexuelle, weiße, gutausgebildete Frauen? Sind wir das? Wen schließt das aus? Haben wir nicht alle verschiedene Erfahrungen?

Begierde und Fahrerlaubnis schmeißt uns ins Wechselbad der Gefühle: Wir sind sauer auf den Text, weil er uns Worte in den Mund legt, die wir glauben nicht mehr sagen zu müssen und dann stehen wir da und sollen sagen, was wir wollen ohne eine Standartsatz hinzubröseln und eine hohe Stimme zu machen oder nett zu lächeln und merken: das haben wir nicht geübt.

Ich, eine inzwischen Ausgewachsene, bete Sie an, ich wirke lächerlich dabei, was ich längst gewohnt bin.

Und dann fragen wir uns – lustvoll und verschämt – wie halten wir es denn mit der Pornographie?

Regie Dominique Enz Idee Enz/Kühnhold Bühne Eva Lillian Wagner Kostüm Lola Carola Schmid Dramaturgie Finnja Denkewitz Sound Thekla Molnar Licht Johanne Holten Produktionsleitung Nora Becker Kostümassistenz Theresa Bahmann, Esther von der Decken Es spielen Nora Kühnhold, Thordis M. Meyer & Martina Schliessler

(1) Jelinek, Elfriede: Begierde und Fahrerlaubnis (Eine Pornographie). Reinbek, Rowohlt Verlag. 1986.
(2) Schwarzer, Alice: Liebe Elfriede! (https://www.emma.de/artikel/interview-jelinek-333537 zuletzt aufgerufen: 20.05.19).

Eintritt
10 / 7 € (1 Vorstellung)
15 / 11 € (2 Vorstellungen)
22,50 / 16,50 € (3 Vorstellungen)

Karten: 040-270 949-49
www.kampnagel.de


Studienprojekt III Regie Schauspiel und Dramaturgie der Theaterakademie Hamburg, Hochschule für Musik und Theater, in Kooperation mit der Bühnenraumklasse der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg (HfBK), den Fachbereichen Gestaltung/ Kostümdesign der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) und Kampnagel