Kiezstürmer2019

Kiezstürmer 2019

Das Festival der jungen Regisseure

Sonntag 27.10.2019 15:00
St. Pauli Theater

Zum 15. Mal jährt sich in diesem Jahr die Zusammenarbeit des St. Pauli Theaters und der Theaterakademie Hamburg. Innerhalb der Hamburger Theaterlandschaft hat sich das von Ulrich Waller ins Leben gerufene Festival seitdem zu einer der renommiertesten Plattformen für den Regienachwuchs entwickelt. Seit 2005 hat dieser einmal im Jahr die Chance, seine Ideen im „echten Betrieb“ auf einer großen Bühne zu realisieren. In diesem Jahr dabei: Dor Aloni, Helena Bennett, Vera Häupl, Woody Mues und Verena Rosna.

Die Stücke

Sweet Dreams
Eine Oper nach Engelbert Humperdinck, inszeniert von Vera Häupl, 15 Uhr

Schwesterlein und Brüderlein gehen in den Wald hinein – die altbekannte Geschichte. Vielzählige Versionen des Grimm´schen Märchens haben eines gemeinsam: Zwei Kinder, allein und verlassen in einem Wald, aus dem es kein Entrinnen gibt, außer durch den Tod der Hexe.
Doch was geschieht, wenn das Töten der Hexe nicht die gewünschte Befreiung bringt?
Wenn es kein Entrinnen gibt – nicht einmal in den eigenen Träumen?

Karl H. räumt ab
Eine Stückentwicklung, inszeniert von Woody Mues, 16:30 Uhr

Erleben Sie den letzten Abend des legendären Hamburger Entertainers! Die Lieder über seine Ursprünge haben ihn groß gemacht: Durch düstere Moore und zwielichtige Gänge hindurch spielte er sich bis an die Spitze des Musical-Himmels. Nun präsentiert er Ihnen auf der Bühne des St. Pauli-Theaters ein Best-of seiner größten Shows.
Er re-enacted die Stunde, in der er - versehentlich - den Labskaus erfand, erzählt noch ein letztes Mal davon, wie er mit einem Buddelschiff in See stach, es in den Abgründen der Elbvertiefung verlor und dann in einem Kochtopf (dem berühmten “Hamburger Kessel”) zurück in den Hafen trieb.
Lauschen Sie den Geschichten, wie er aus seiner jahrzehntelangen Besetzung der Schiller-Oper Einnahmeausfälle generierte und daraus eigenhändig den Bau der Elbphilharmonie finanzierte. Werden Sie Zeuge, wie er live die Schanze gentrifiziert, den G20-Gipfel absichert und die letzten selbstverwalteten Kulturräume mit spektakulären Zaubertricks in schnäppchengünstige Zweitwohnungen verwandelt.
Das sollten Sie auf keinen Fall verpassen. Sonst wäre es ja schon vorbei...

NOUS SOMMES CHARLOTTE CORDAY
inszeniert von Verena Rosna, 18 Uhr

Charlotte Corday von Engel Christine Westphalen (1804)
Wer war Charlotte Corday? Heldin? Attentäterin? Patriotin? Terroristin? Kaltblütige Mörderin? Idealistin? Charlotte Corday drang am 13. Juli 1793 in das Haus des Revolutionärs Jean Paul Marat ein. Unter ihren Kleidern versteckte sie das Messer, mit dem sie Marat erdolchen wird. Marat, eine leitende Figur der französischen Revolution, befand sich zur Zeit seiner Ermordung in seiner Badewanne um ein Hautleiden zu kurieren. Nach der Tat ließ sich Charlotte widerstandslos festnehmen und wurde, nach einem kurzen Prozess vor dem Revolutionstribunal, am 17. Juli 1793 auf dem Schafott hingerichtet. In Anspielung auf eine Aussage Robespierres, soll sie zu ihrer Verteidigung einzig gesagt haben ‚Ich habe einen Mann getötet, um hunderttausend zu retten.‘
Nach seiner Ermordung wurde Marat zum Märtyrer stilisiert. Seine Büsten und Statuen ersetzten Kruzifixe und sein Mord entschuldigte das schonungslose und blutrünstige Vorgehen der Jakobiner unter Robespierres gegen deren politische Gegner.
Gut zehn Jahre später nahm sich die in Hamburg ansässige Schriftstellerin Engel Christine Westphalen dem Thema an. Ihr Drama Charlotte Corday wurde wohl von dem Kontakt mit Flüchtlingen der französischen Revolution, die von den Gräueltaten in Frankreich berichteten, inspiriert. Das hochlyrische Stück, das in den über 200 Jahren seines Bestehens mit großer Wahrscheinlichkeit nie über eine Leseaufführung hinausgekommen ist, wird nun erstmals szenisch bearbeitet. Letztendlich ist die Frage nach Idealismus und dessen Grenzen in einer Gesellschaft, die keine Ideale zu kennen scheint, auch 200 Jahre später brandaktuell.

Hitler baby one more time
von Dor Aloni und Raban Witt, 19:30 Uhr

Wenn wir von Identität sprechen, meinen wir meist die faktische Beschreibung unserer Person, belegbar durch Ausweis und Reisepass und begründet auf Herkunft, Familie, Geschlecht, Religion und kollektivem Gedächtnis. Was aber, wenn all das nicht mehr ausreicht um zu beschreiben, wer wir sind? Vielleicht braucht es mehr als Worte. Vielleicht brauchen wir Gerüche, Musik, Erinnerungen, Rituale und Bräuche, um verständlich zu machen, um wen es sich hier eigentlich handelt. Wir lösen uns von unseren Körpern und treffen auf dem Grund unserer Existenz auf böse Geister, alte Geheimnisse und die immer anwesende Angst vor dem Sterben.

Dor Aloni inszeniert sich selbst: In seinem Stück fragt er nach dem Zusammenhang von kollektivem Trauma und der Suche nach einer individuellen Identität. Seine eigene Geschichte dient hierbei als Material für einen großen Schwindel. Realität ist nicht messbar in diesem Theaterraum und bekommt im Spiel mit der Vergangenheit eine ganz neue Bedeutung. Auf der Suche nach dem Bösen in sich und uns, begibt sich der Regisseur und Schauspieler auf die Fährten seiner Erinnerung: vom jemenitisch- jüdischen verwurzelten Elternhaus über die israelische Armee hin zur Begegnung mit Hitler in einem Münchner Fernsehgeschäft und schließlich zurück zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familie.
In seinem Spiel lässt er das Publikum teilhaben an der Erfahrung einer scheinbar nie endenden Suche nach etwas wie der eigenen Bedeutung und nutzt den Theaterraum als Experimentierfeld um Fantasien und Erinnerungen zugleich für einen Moment real werden zu lassen.

landstreichen
inszeniert von Helena Bennett, 21 Uhr

In Hamburg waren im Jahr 2018 laut der Zeitschrift “hinz und kunzt“ mindestens 22.000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Es ist kein neues Phänomen: Fliegende Bauten, Aussteiger*innen, Fahrendes Volk, Hobo, Vagabund*innen, Tramps, Obdachlose, stets gesellschaftlich ungewollt, dämonisiert und seit Jahrhunderten vertrieben. Daran anlehnend beschäftigt sich „landstreichen“ mit Fragen von Freiheit, Wahrheit und der politischen Macht der Vorstellungskraft. Zwei Figuren, Enis und Zara, vom Leben zusammen gebracht an einem Ort, der keiner ist. Ein Gespräch über die Kraft der Fantasie und die Auseinandersetzung mit Realität. Ein Tag zwischen Hoffnung und Resignation. Ein kleines Stück vom großen Rand des Kuchens der Welt.



Einzelvorstellung 9,00 EUR, Festivalticket 16,00 EUR inkl. Gebühren

Tickets: 040/4711 0 666 oder st-pauli-theater.de
sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen

Besonders danken wir der Hamburgischen Kulturstiftung, die die KIEZSTÜRMER-Reihe seit Jahren unterstützt, sowie der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, die damit künstlerische Experimente dieser Art auch für ein frei finanziertes Privattheater ermöglichen.