
ÜBER DIE RELEVANZ VON REIBUNG
Liebe Freund:innen der HfMT,
Hochschulpräsident Jan Philipp Sprick schreibt im Editorial der neuesten Ausgabe unserer Hochschulzeitung zwoelf:
„Wer sich mit Kunst, Musik und Theater beschäftigt, bewegt sich zwangsläufig in Spannungsfeldern: zwischen Tradition und Experiment, zwischen individueller Ausdruckskraft und kollektiver Praxis, zwischen künstlerischer Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Aus diesen Spannungsfeldern entstehen Reibungen und aus ihnen erwächst häufig das Interessanteste und Relevanteste. Deshalb ist es angesichts unserer komplexen Gegenwart kein Zufall, dass sich diese Ausgabe der zwoelf einem Begriffspaar widmet, das Spannungen und Mehrdeutigkeiten besonders präzise beschreibt: Ambivalenz und Ambiguität.
Beide Begriffe werden oft synonym verwendet. Ein genauerer Blick zeigt jedoch einen wichtigen Unterschied: Ambivalenz bezeichnet die gleichzeitige Existenz gegensätzlicher Gefühle, Perspektiven oder Wertungen und beschreibt damit eine produktive Reibungszone zwischen Gegensätzen. Ambiguität hingegen meint Zwei- oder Mehrdeutigkeit als Möglichkeit, dass ein Ausdruck, ein Bild oder eine Situation mehrere Lesarten zulässt.
Beide Phänomene spielen in den Künsten eine zentrale Rolle. Sie zeigen eine besondere Stärke künstlerischer Ausdrucksformen: die Fähigkeit, Erfahrungen zu ermöglichen, die sich nicht auf eine einzige Perspektive reduzieren lassen.
Eine Hochschule für Musik und Theater muss ein Ort solcher Mehrdeutigkeiten und Spannungen sein…“
Mit diesen anregenden Gedanken durchforsten wir reibungsbereit den Veranstaltungskalender und heißen Sie hier wie dort herzlichst willkommen!
NERDIG & NAHBAR
Vom 10.-16. Mai findet in Hamburg die International Computer Music Conference (ICMC) statt und bringt Expert:innen aus aller Welt zusammen, um aktuelle Praktiken und zukünftige Richtungen in der Computermusik und Klangkunst zu erkunden.
Neben dem hochkarätigen Tagungsprogramm gestaltet das gastgebende ligeti zentrum die Off-ICMC als begleitendes Festival, welches sich erfrischend nahbar zeigt und damit dem Grundgedanken des Zentrums buchstäblich Rechnung trägt. Denn wenn es um Forschung geht, geht es hier immer auch um Transfer und der Mensch steht klar im Mittelpunkt. Für Tagungsleiter und Gesamtprojektleiter des ligeti zentrums Prof. Dr. Georg Hajdu geht es letztlich darum, Wissenschaft und Forschung, Kunst und Technologie in ihrer jeweiligen Komplexität herunterzubrechen und allen Menschen zugänglich zu machen.
„Wir wollen gefragt werden, wir wollen in einen Dialog treten, wir wollen die Menschen in Staunen, in Verwunderung und mitunter Irritation versetzen, Partizipation ermöglichen und damit auch unseren Beitrag zur Stärkung der Demokratie leisten.“
Mit Workshops, öffentlichen Installationen, Lesungen und einem Science-Slam widmet sich das kostenlose Begleitprogramm dem Thema „Musik in unserer digitalen Zeit“.
TOP ODER FLOP?
Der große Geiger Nathan Milstein sagte einmal, dass er Wettbewerbe nicht mag, dass aber jeder, der sich gut vorbereitet hat, am Abend vor dem Wettbewerb bereits für sich selbst gewonnen hat.
In den kommenden Wochen finden an der HfMT wieder einige hochschulinterne Wettbewerbe statt. Das haben wir zum Anlass genommen, uns mit Geigenprofessorin Tanja Becker-Bender ein wenig über Chancen und Schattenseiten von Wettbewerben auszutauschen:
Zunächst einmal ist zu sagen, dass Wettbewerbe einen enormen Boost ausüben können. Da wird in kürzester Zeit so viel Repertoire abgefragt und dadurch punktuell so viel Energie freigesetzt, die man im Alltäglichen gar nicht abrufen kann und die einen über sich hinauswachsen lässt. Das Auf-den-Punkt-Bringen so vieler Stücke, das Sich-der-Bewertung-Aussetzen und die persönliche Entwicklung, die man dabei nimmt, sind von unschätzbarem Wert, ganz unabhängig von jedem Ergebnis.
Lehrende und Juror:innen tragen dabei eine große Mitverantwortung, den Teilnehmenden einen respektvollen Raum zu verschaffen und sie positiv zu begleiten. Denn ein Wettbewerb bringt auch „Verlierer:innen“ hervor und die Teilnehmenden sind in einer verletzbaren Position. Zudem ist eine Bewertungsskala je nach Zusammensetzung der Jury variabel und Ergebnisse damit nicht immer nachvollziehbar. So können Wettbewerbe eine große Wirkmacht ausüben und dabei wenig über eine:n Künstler:in aussagen, auch weil beispielsweise ein zurückgelegter Weg viel wichtiger ist als die objektive Leistung in dem Moment. Eine wirkliche künstlerische Erfüllung braucht das Zusammenspiel von ganz vielen Faktoren, die oft Zeit brauchen sich zu entwickeln und auf einen „Misserfolg“ kann dann bald schon ein Durchbruch folgen, wenn man als Teilnehmender findet, was einem selbst bislang noch fehlte.
Glücklicherweise befindet sich die Wettbewerbsszene im Wandel. Ein Konkurrenzdenken weicht einem kollegialen Miteinander, mentale Gesundheit wird als wichtig anerkannt und der Gedanke von künstlerischer Exzellenz beinhaltet neben perfektem Spiel immer mehr auch Kriterien wie zum Beispiel eine Kammermusik-Runde oder ein kreatives Konzept in Form einer freien "Carte Blanche“. Auch die Anschlussförderung gewinnt an Bedeutung und führt zu nachfolgenden Workshops und Konzertauftritten, wie wir es an der HfMT gerade mit Unterstützung der Rudolf und Renate-Seidel-Stiftung beim Elise Meyer Wettbewerb entwickeln.
Bei unseren hochschulinternen Wettbewerben geht es bei aller Konkurrenz herzlich und unterstützend zu und alle Beteiligten bemühen sich um einen positiven Schutzraum in fördernder Atmosphäre.
Wir wünschen allen ein gutes Gelingen und viel offenes und unterstützendes Publikum!
10. Mai: Preisträger:innen-Konzert des Gustav-Mahler-Wettbewerbs
16. Mai: Wertungsspiele des Steinway Förderpreises
30. Mai Preisträger:innen-Konzert des Steinway Förderpreises
6. und 7. Juni: Finalrunden des Elise Meyer Wettbewerbs
21. Juni: Preisträger:innen-Konzert des Elise Meyer Wettbewerb
ZWISCHEN NACHT UND TAG
Auch hier ein Spannungsfeld: der Kampf zwischen der Königin der Nacht und Sarastro, der oft als Ringen zwischen Aberglaube und Vernunft, Matriarchat und Patriarchat oder zwischen Emotion und Gesetz gelesen wird. Im Zentrum stehen Tamino und Pamina, zwei junge Menschen auf der Suche nach Orientierung in dieser Welt voller Gegensätze.
In diesem Sommer kehrt eines der meistgespielten Werke der Operngeschichte an die HfMT zurück: Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart nach einem Libretto von Emanuel Schikaneder.
Als zentrales Element seines Inszenierungskonzepts integriert Christian Poewe die jeweiligen Muttersprachen des international besetzten Ensembles und ermöglicht den Studierenden einen unmittelbaren, emotionalen Zugang zu ihren Figuren. So wird die Suche nach Identität, eines der wesentlichen Themen des Stücks, direkt mit der persönlichen Herkunft und den individuellen Perspektiven der Mitwirkenden verknüpft.
Unter der musikalischen Leitung von Willem Wenzel bringen die Studierenden des Master Oper Mozarts Die Zauberflöte auf die Bühne. Im Orchestergraben musizieren die Symphoniker Hamburg, für das Bühnenbild zeichnen Sina Eichhorst von der HFBK zusammen mit dem Videokünstler David Scheffler verantwortlich, die Kostüme entwerfen Louisa von Ohlen und Julian Philip Hirsch von der HAW.
DIFFERENZ UND MACHT
Am 19. Mai ist der 14. Deutsche Diversity Tag und wir befragen uns selbst:
„Was tut die HfMT im Kontext von Diversity, Equity and Inclusion (DEI) und welche Bedeutung kommt dabei einer kritischen institutionellen Selbstreflexion für die nachhaltige Förderung von Vielfalt zu?“
Wir freuen uns in diesem Kontext auf den Besuch der Psychologin und Professorin Prof. Dr. Martina Tißberger, die uns mit ihrem Impuls zum Thema Differenz und Macht – eine Critical-Whiteness-Perspektive einige kritische Betrachtungen mit auf den Weg geben wird.
In ihren Arbeiten zu Differenz und Macht analysiert sie gesellschaftliche Verhältnisse aus einer Critical-Whiteness-Perspektive. Dabei geht es ihr im Kern darum, „Weißsein“ nicht als neutralen Standard, sondern als eine privilegierte, machtvolle Position sichtbar zu machen, die oft unhinterfragt bleibt. Tißberger betont außerdem die Verschränkung von Kategorien wie Rassismus, Gender und Klasse. Sie analysiert, wie diese Differenzlinien zusammenwirken, um Machtverhältnisse zu stabilisieren oder zu transformieren.
Wie gewohnt lebt unsere nun schon dritte Ausgabe eines HfMT Diversity Days auch von den vielfältigen künstlerischen Beiträgen unserer Studierenden und dem anschließenden Get-Together, bei dem wir nachsinnen, die Gedanken vertiefen und in einen Austausch kommen können.
WEGE IN DIE MUSIK ÖFFNEN – FÜR ALLE
...
Für ALLE!
Echt?
Klar!
Ist das möglich?
Ja, gemeinsam mit Kooperationspartnern für alle jungen Talente, unabhängig von finanzieller Möglichkeit, kulturellem Hintergrund oder Behinderung!
Alles andere ist sinnlos – ungehörig, langweilig, unreal, einseitig, unethisch ...
Dass dies geht, haben wir jüngst beim Kick Off für unser Nachwuchsförderzentrum bewiesen, unter dessen Dach wir uns im Verbund mit der Jugendmusikschule Hamburg, The Young ClassX und EUCREA e.V. gleichermaßen für Chancengerechtigkeit und Exzellenzförderung in der musikalischen Ausbildung engagieren.
Damit setzen wir eine weitere Maßnahme aus unserem Diversity Management Konzept um und versuchen, der auf dem Papier vorhandenen Zugänglichkeit und Inklusion, zu der wir uns als öffentliche Bildungsinstitution verpflichtet fühlen, auch in der Realität nachzukommen.
Als eine Art Vorstufe und korrespondierendes Projekt zum Nachwuchsförderzentrum engagiert sich die HfMT seit etwa einem Jahr im Rahmen der Schulpatenschaften an vier allgemeinbildenden Schulen mit einer diversen Schüler:innenschaft und schafft hier vielfältige Begegnungsräume.
Auf unserer Website finden Sie vertiefende Informationen zu den Schulpatenschaften und dem Nachwuchsförderzentrum.
AMBIVALENZ UND AMBIGUITÄT
Wie im Editorial angeteasert, befasst sich unsere neue Ausgabe der zwoelf mit Ambivalenz und Ambiguität – zum Teil philosophisch-abstrakt und zum Teil mit sehr konkretem Hochschulbezug. Wir finden diese Ausgabe besonders gelungen.
Sie ist sowohl online zu lesen als auch kostenfrei bei uns in der Hochschule erhältlich und wird auf Wunsch sogar zugestellt. Besonders freuen wir uns über Ihr Feedback.
Wenn Sie uns Ihr Feedback als Antwort auf diesen Newsletter zusenden, können Sie an einer Verlosung für 2 x 2 der begehrten Karten für Die Zauberflöte teilnehmen. Einsendeschluss ist der 13. Mai. Verlost werden Karten für die B-Premiere am Dienstag, den 26. Mai sowie die Vorstellung am Sonntag, den 30. Mai
WEITERE EMPFEHLUNGEN
Da wären noch:
Die Abschlussinszenierung Schauspiel VERLETSCHUNGEN vom 8.-10. Mai
Ein Filmfrühstück im Magazin mit Die fabelhafte Welt der Amélie am 10. Mai
Prof. Dr. Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray in DILLA TIME 2 am 16. Mai
In der JazzHall ein Klavierkammermusik-Abend am 18. Mai
Das dritte Konzert in der Reihe AudiMaxVocal am 27. Mai
Drei frische Inszenierungen beim Kiezstürmer-Festival am 30. und 31. Mai
WAS SONST NOCH LÄUFT
…finden Sie wie gewohnt in unserem Veranstaltungskalender
Genießen wir also gemeinsam den Mai – wir freuen uns auf Sie!
Ihre HfMT
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