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by Leonie Sens

Kunst & Sicherheit? Auf das Unerwartete vorbereitet sein

Welche Perspektiven und Handlungsräume eröffnen sich durch künstlerische Praxis, Erfahrung und Teilhabe im Hinblick auf akute gesellschaftliche Herausforderungen?
Montag, 16.11.2026 18:30 HfMT, Multifunktionsstudio

Mit vier Kurzvorträgen und daran anschließenden Gesprächen beleuchten wir die vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen künstlerischer Produktion und Forschung und aktuellen Fragestellungen des sozialen und gesellschaftlichen Alltags.

Vlatko Kučan (ligeti zentrum & HfMT Hamburg): Wie bereiten wir uns darauf vor, unvorbereitet zu sein?

Was wir aus künstlerischen Prozessen für ein autonomes und ko-kreatives gesellschaftliches Handeln lernen können.

Künstlerische Produktion entsteht im Spannungsfeld zwischen Affirmation und Innovation. Sie gelingt nur auf der Grundlage eines common ground – d.h. eines ausreichend sicheren Bezugs- und Beziehungssystems, aus dem heraus erst eine kreativ-explorative Bewegung neue Spielräume, Ideen, Interaktionen und Erfahrungen zu erschließen vermag. Ähnliches ließe sich für die Bereiche der individuellen Persönlichkeitsentwicklung und im Zusammenhang mit kollektiven gesellschaftlichen Gestalungs- und Interaktionsprozessen sagen. Entwicklung, Transformation und Innovation werden nur dann möglich, wenn wir ‘Sicherheit’ nicht als konservatives Erstarrungsprinzip oder projektiven Verdrängungsmechanismus mißverstehen, sondern vielmehr als Grundlage und gleichzeitig Motor für individuelle und kollektive Selbstermächtigung begreifen. Erfahrungen aus der künstlerischen Praxis und Forschung – insbesondere Erkenntnisse aus dem transdisziplinären Feld der Critical Improvisation Studies können uns dabei wertvolle Hinweise liefern.

Vlatko Kučan arbeitet als Musiker, Improvisator, Musiktherapeut, Kurator und Regisseur. Er ist Leiter von SPIIC+ (Social Performance, Interdisciplinary Improvisation & Creativity) am artistic research lab. des ligeti zentrums in Hamburg und ist zudem als Dozent für Improvisation/ Critical Improvisation Studies und akademischer Mentor an der HfMT in Hamburg tätig. Seine Arbeiten verbinden einen transdisziplinären Ansatz auf der Suche nach einer ganzheitlichen Definition von ‘Artistic Intelligence’.


Axel Dürkop (TUHH & HOOU Hamburg): Von Einsamkeitsmaschinen und dem Wert kreativen Miteinanders für eine stabile Demokratie

Aktuelle KI-Systeme ermöglichen die schnelle Generierung beeindruckender Artefakte: hyperrealistische Bilder, Musik, Filmsequenzen und vor allem Texte jeden Formats können erzeugt werden, ohne von anderen Menschen direkt abhängig zu sein. Aushandlungsprozesse über Richtung, Aussage und Ergebnis des Werks finden zunehmend statt zwischen Mensch und Maschine. Widerspruch ist in der Rolle der neuen Simulanten nicht vorgesehen, denn der muss ausgehalten werden und verkauft sich schlecht.

Wer so aufwächst, versäumt die pseudoexistenziellen Herausforderungen einer Theaterproduktion, den anstrengenden und erfüllenden Reiz des Filmemachens und die überraschenden zwischenmenschlichen und künstlerischen Momente beim gemeinsamen Musizieren. Wer sich hingegen in die sozialen Abhängigkeiten des Kreativen begibt, übt nicht nur für die Meisterschaft, sondern auch, mit dem Anderen einen vertrauensvollen und sicheren Umgang zu finden.

Axel Dürkop studierte Philosophie in Hamburg und war zehn Jahre als Regisseur, Musiker und Darsteller an deutschen Theatern tätig. An der TUHH lehrt er Informatik aus einer technischen und philosophischen Perspektive und gestaltet in der HOOU partizipative Formate an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Daneben ist er Keynotespeaker zum Spannungsfeld von KI, Nachhaltigkeit und Demokratie.


Cornelius Puschke (selbstst. & HOOU Hamburg): Sicherheit ist ein Gefühl. Wie Künstler:innen und Kulturinstitutionen zukunftsweisende Strategien gegen Verunsicherung entwickeln.

Was, wenn wir uns Sicherheit nicht als einen praktisch herstellbaren Zustand vorstellen, sondern als ein Gefühl? Als eine emotionale Bedingung, die sich durch zwischenmenschliche Erfahrungen und alltägliche Interaktionen ständig verändert? Und was, wenn wir das klassische Verständnis aufgeben, Sicherheit wäre gut und Unsicherheit schlecht?
Künstlerinnen und Kulturinstitutionen sind Expertinnen im Umgang mit Sicherheitsfragen. Es ist ihr Ziel und ihre Aufgabe die Gesellschaft auf eine sichere Art und Weise zu verunsichern. Mit dieser vermeintlichen Paradoxie aktiv zu arbeiten, ist in diesen Zeiten wichtiger denn je. Denn das Gefühl von Unsicherheit gibt immer auch einen Ausblick auf eine Entwicklung und damit die Möglichkeit die Zukunft zu gestalten.

Cornelius Puschke entwickelt Programme, Projekte und Lernumgebungen in Kulturinstitutionen und Hochschulen. Er lehrt regelmäßig an der HfMT und der HFBK Hamburg, macht für die HOOU den Podcast „Life After Art School“ (mit Anne Meerpohl und Nora Sternfeld) und arbeitet für das Förderprogramm „Übermorgen – Neue Modelle für Kulturinstitutionen“ der Kulturstiftung des Bundes.


Anne Meerpohl (HfbK Hamburg): Verknüpfen und verknoten - Netze spinnen für Stabilität im Kontext der bildenden Kunst.

Künstlerische Arbeit wird häufig mit der Vorstellung des autonomen, individuell arbeitenden Genies verbunden. Gleichzeitig hat kollektives Arbeiten in der bildenden Kunst eine lange und vielfältige Geschichte: von Werkstätten und Künstler*innengruppen über selbstorganisierte Ausstellungsräume und feministische Kollektive bis hin zu heutigen Formen gemeinschaftlicher künstlerischer und politischer Praxis. Kollektivität bezeichnet dabei nicht nur eine Produktionsweise, sondern kann auch eine Strategie sein, um bestehende Arbeits- und Machtverhältnisse sichtbar zu machen, zu verändern und gemeinsam Handlungsspielräume zu schaffen. Der Vortrag fragt, was sich verändert, wenn künstlerische Praxis als soziale und organisierte Arbeit verstanden wird. Anhand ausgewählter Beispiele wird untersucht, wie Kollektive Ressourcen, Wissen und Verantwortung teilen und daraus Formen von Solidarität entstehen – etwa durch Selbstorganisation, ehrenamtliches Engagement oder gewerkschaftliche Zusammenschlüsse. Im Zentrum steht die Frage, wie wir lernen können, Kunst nicht nur gemeinsam zu produzieren, sondern auch ihre Bedingungen gemeinsam zu gestalten.

Anne Meerpohl ist kuratorische Assistenz an der HFBK Hamburg, kuratiert dort das ICAT – Institute for Contemporary Art & Transfer und ist zudem als freie Künstler:in und Autor:in tätig. Meerpohl arbeitet zu Themenschwerpunkten wie Produktionsbedingungen, Körper, Fluidität und Fürsorge und war kollaborativ, kollektiv oder im Alleingang zu sehen u.a. im MARKK - Museum am Rothenbaum, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Kunstverein Harburger Bahnhof und weiteren.

Eintritt frei

Eine Anmeldung ist notwendig und erfolgt über HOOU.