Szenische Einrichtung
im Rahmen von DRAMA! 2026
15. Oktober, 18.30 Uhr und 16. Oktober, 20.30 Uhr
HfMT, Campus Barmbek am Wiesendamm 26
MAULWÜRFE
nach Franca Zajac
MIT Nick Hohlbach, Mathieu Pestel, Leela Scherbaum, Kirill Zubarev
SZENISCHE EINRICHTUNG Dante Nicolai Rafalski
DRAMATURGIE Yael Ostermeier
BÜHNE Frida Navrátil
KOSTÜME Runa Marx
Zum Stück
JAN
Lieber höre ich Schweigen als Deutsch. Keine Sprache hat so eine Monotonie, ist so herablassend wie das Deutsche.
JACEK
Das klingt schön, Jan. Auch wenn der Fluss wie ein Pole klingt, wird er dich nicht wieder mit nach Hause nehmen.
Franca Zajac thematisiert in ihrem Stück die Gastarbeiter*innengeschichte der sogenannten Ruhrpolen über mehrere Generationen hinweg. Anhand von drei sich immer mehr miteinander verwebenden Erzählsträngen erfährt man die Geschichte von Jan Andrzej, der seine Heimat und seine Familie verlässt, um im Ruhrgebiet Kohle abzubauen. Man lernt seinen Kollegen Jacek kennen und erfährt von der harten Arbeit und dem Leben in den Bergmanssiedlungen in denen die Gastarbeiter*innen gelebt haben. Gerahmt wird die Erzählung von Karos Geschichte, einer Bühnentechnikerin, die nach der Arbeit immer bei ihrem Vater vorbeikommt und zwar von seiner Geschichte im Bergbau weiß, mit ihm aber nie wirklich darüber gesprochen hat.
MAULWÜRFE verhandelt die Themen Entwurzelung und Heimatlosigkeit, die Suche nach Zugehörigkeit, die Trauer über den Verlust einer Heimat, der Familie und den Umgang mit intergenerationalem Trauma.
Interview
MIT YAEL (DRAMATURGIE) UND DANTE (REGIE)
YAEL: Wie näherst du dich einem Text und seinen Themen?
DANTE: Für mich ist es wichtig, die Essenz eines Stoffes zu finden, den Kern der Dinge freizulegen. Von dort ausgehend können wir uns fragen, was wir erzählen wollen und welche Form dafür die richtige ist.
DANTE: Was ist dir beim ersten Lesen des Textes besonders aufgefallen? Was ist dir in Erinnerung geblieben?
YAEL: Als Erstes ist mir die Sprache aufgefallen. Sie ist sehr poetisch, und das fand ich spannend. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem, dass es eine Geschichte ist, mit der ich mich bisher noch nicht intensiv auseinandergesetzt hatte.
DANTE: Mir ist besonders in Erinnerung geblieben, dass ich dem Text beim ersten Lesen völlig auf den Leim gegangen bin. Ich hatte ihn zunächst als Historiendrama verstanden - was bei dem Text wirklich nicht der Fall ist.
YAEL: Wie lassen sich die vielen Themen des Textes miteinander verbinden, insbesondere wenn es um Verlust und Trauer geht?
DANTE: Wir wollten zunächst mit unserem Konzept eine klare Setzung machen, die eine Richtung vorgibt: Was ist der Kern unserer Erzählung, und wo wollen wir hin? Von dort aus haben wir überlegt, welche Entscheidungen uns dabei helfen, diesen Kern auf der Bühne erfahrbar zu machen. Neben den vielen anderen Themen des Textes haben wir uns vor allem darauf verständigt, eine Geschichte von Entwurzelung zu erzählen. Dafür haben wir eine Setzung entwickelt, in der die Figuren eine Bühnentechniker*innencrew sind.
DANTE: Ist es dir wichtig, persönliche Erfahrungen in eine Inszenierung einzubringen?
YAEL: Ich glaube, dass man immer etwas Persönliches in einen Stoff einbringt, wenn man sich über längere Zeit mit ihm beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit einem Text ist schließlich auch eine persönliche Auseinandersetzung – allein schon durch die Perspektive, aus der man sich ihm nähert.
YAEL: Was bedeutet Arbeit für dich?
DANTE: In unserer Inszenierung ist Arbeit wie ein Sound, der den gesamten Abend begleitet und rahmt. Im Text spielt Arbeit eine große Rolle. Mir war deshalb wichtig, sie auch auf der Bühne sichtbar und körperlich erfahrbar zu machen. Wenn Arbeit nur thematisiert wird, bleibt sie abstrakt. Die Spieler*innen vollziehen bei uns tatsächlich körperlich anstrengende Arbeitsprozesse. Dass diese Arbeit so präsent ist, war mir für die Inszenierung ein zentrales Anliegen.
DANTE: Welche Verbindung siehst du zwischen der Arbeit der Bühnentechniker*innen und der Arbeit im Bergbau?
YAEL: In der Inszenierung lässt sich diese Verbindung für mich unmittelbar herstellen. Wir beobachten die Arbeit die ganze Zeit und erleben dadurch sehr konkret, was sie bedeutet. Sowohl in der Bühnentechnik als auch im Bergbau geht es um körperlich anspruchsvolle Arbeit. Darin liegt für mich die zentrale Verbindung.
YAEL: Was verbindest du mit dem Ruhrgebiet?
DANTE: Ich komme selbst aus dem Ruhrgebiet und habe eine enge, positive Verbindung zur Region. Ich verbinde damit eine direkte, herzliche Art, Dinge anzusprechen, und einen kollegialen Umgang miteinander. Das Ruhrgebiet ist durch den Bergbau und die Arbeitsmigration geprägt. Der Begriff „Kumpel“ steht für mich dabei auch für ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl: Menschen kommen zusammen, werden Teil einer Gruppe und stehen füreinander ein. Diese Form von Gemeinschaft ist auch etwas, das ich am Theater schätze: Menschen, die sich vorher nicht kennen, kommen zusammen und arbeiten gemeinsam an einer Sache, werden ein Ensemble.
DANTE: Welche Rolle spielt das Ruhrgebiet im Text und in der Inszenierung?
YAEL: Das Kollegiale ist ein wichtiger Aspekt. Auf der Bühne erleben wir, wie Menschen gemeinsam etwas auf- und wieder abbauen, sich dabei begegnen und unterschiedliche Themen miteinander verhandeln. Gleichzeitig ist das Ruhrgebiet auch visuell präsent – durch das Bühnenbild und den Einsatz von Kohle.
BEIDE: Habt ihr einen Lieblingsbegriff aus dem Ruhrgebiet?
DANTE: Ich würde sagen: „Hömma“. Das rutscht mir tatsächlich manchmal raus. Und natürlich „malochen“.
YAEL: Ich mag auch „malochen“ und „Schicht im Schacht“, gerade weil beides so gut zur Inszenierung passt.
DANTE: Was mir außerdem einfällt, ist „Gedöns“ – im Sinne von Schnickschnack. Das ist auf jeden Fall auch eines meiner Lieblingswörter.
Das Interview als Audiodatei
Dank
Wir danken Eva-Maria Voigtländer für die Möglichmachung dieses Projekts, ihrer Liebe für das Ensemble und jeden Rat und jedes gute Wort, Cilli Drexel für jedes Kaffe trinken gehen, ihr feines Auge fürs Handwerk und ihr scharfes Auge für alles, John von Düffel, Philipp Hauß, Sybille Meier und Tim Schüler für das Vertrauen und die Begleitung, Sabina Dhein und Paul Marwitz-Seyffert für die Organisation und das Ermöglichen des DRAMA! 2026 Festivals - die große Maschine die für uns alle im Hintergrund rotiert, der Technik Crew der HfMT, Hannes Höhler, Philipp Dehnerdt, Kevin Neugebohren, Frithjof Krieger und Tino Wichmann, die uns gezeigt haben wie man authentisch TECHNIKER sein kann und die gehangen, geleuchtet, ihre Geschichten geteilt und uns inspiriert haben, Franca Zajac für ihre Worte, Yael Ostermeier für ihren klugen Blick, Frida Navrátil für ihre Bühne, Runa Marx für ihr Kostüm und ALLEN anderen die geklebt, geschaut, lackiert, gemailt, angezogen, gesorgt, geschrieben, beobachtet, beraten, geschraubt und die absolute L I E B E rein gesteckt haben.
Und vor allem und immer und ganz besonders dem spielenden Ensemble <3
Dieses Projekt ist nur möglich dank der Zuwendungen und Unterstützung des Dr. Margitta und Dietmar Lambert-Stiftungsfonds unter dem Dach der Hamburgischen Kulturstiftung sowie der Mara und Holger Cassens-Stiftung und der produktiven Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover sowie der Universität der Künste Berlin.
