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Theater der Affekte: Einführung in Affekttheorien vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Fach laut Studienplan
Ästhetiken & Politiken
Lehrende
Katharina Alsen , Dr. Benjamin Sprick
Termin
Mittwoch, 14:00 – 17:00 Uhr; 6 Termine: 21.10.26 / 18.11.26 / 09.12.26 / 06.01.27 / 13.01.27 / 03.02.27
Raum
Wiesendamm - Raum 1.15 (Seminarraum 3)
Dauer
1.5 Semesterwochenstunden
Beschreibung

Affekte übersteigen diejenigen, die sie empfinden. In Anlehnung an Gilles Deleuze und Félix Guattari lassen sich Affekte als ein ›Mehr‹ verstehen, das über subjektive Wahrnehmung hinausgeht und sie verändern kann. Nirgends wird dies womöglich so deutlich wie im Theater. Theater ist eine ›Affektmaschine‹: Es filtert und verdichtet die emotionalen und sinnlichen Spannungen, die eine Zeit oder eine Epoche prägen.

Anhand ausgewählter Texte und künstlerischer Arbeiten wollen wir der Frage nachgehen, auf welche Weise Affekte die Geschichte des Theaters geprägt haben und bis heute wirksam sind. Ein besonderer Fokus liegt auf der affektiven Verkörperung, über die wir eine Brücke zum Thema des vergangenen Semesters schlagen.

Ausgangspunkt des Seminars ist die Affektenlehre Baruch de Spinozas (1632–1677). Für Spinoza sind Affekte keine bloß inneren Zustände, sondern entstehen in der Begegnung mit anderen Körpern. Affektivität bezeichnet so ein relationales Geschehen, in dem Körper einander beeinflussen und dabei selbst verändert werden.

Dem steht ein Affektverständnis gegenüber, das im 17. und 18. Jahrhundert die ästhetischen Debatten maßgeblich prägte: Affekte galten als Kräfte, die von außen auf den Menschen einwirken und gesellschaftlich reguliert werden müssen. Der Kunst, insbesondere dem Theater, kam damit die Aufgabe zu, zur Erziehung der Gefühle und zur Einübung eines normativ bestimmten Umgangs mit Affekten beizutragen.

Mit der später wirkmächtig gewordenen Vorstellung von Affekten und Emotionen als inneren Zuständen des Individuums geriet die relationale Dimension zunehmend aus dem Blick. Hier setzen gegenwärtig die Affect Studies an und fassen Affekte erneut als dynamisches Verhältnis des Affizierens und Affiziertwerdens.

In Zeiten digitaler Plattformen und ›Affektökonomien‹, die affektive Reaktionen gezielt hervorbringen und verstärken, stellt sich zudem die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen des Affizierens und Affiziertwerdens. Welche Rolle kann Theater in diesem Zusammenhang spielen? Wie lässt sich Theater als widerständige Praxis denken, die sich vorgegebenen und ökonomisierbaren Empfindungsweisen entzieht? Die Geschichte theatraler Affektivität bietet dafür einen breit gefächerten Fundus. Wir durchqueren ihn gemeinsam – auch auf der Suche nach künftigen Formen affektiver Erfahrung.

Literatur

Sara Ahmed: »Affective Economies«, in: Social Text 22.2 (2004), 117–139; Gilles Deleuze: Das Bewegungs-Bild. Kino 1, [1983], übers. aus d. Franz. Ulrich Christians / Ulrike Bokelmann, Frankfurt a. M. 1989: Kap. 6: »Das Affektbild: Gesicht und Großaufnahme« u. Kap. 7: »Das Affektbild: Qualitäten, Potentiale, beliebige Räume«; Roger Mathew Grant: Peculiar Attunements. How Affect Theory Turned Musical. New York 2020; Doris Kolesch: Affektive Dynamiken der Gegenwart. Formen, Wirkungen, Erfahrungen, Berlin 2024; Rainer Mühlhoff: Immersive Macht. Affekttheorie nach Spinoza und Foucault. Frankfurt/New York 2018; Michaela Ott: Affizierung. Zu einer ästhetisch-epistemischen Figur. München 2010; Theresa Schütz: Theater der Vereinnahmung. Publikumsinvolvierung im immersiven Theater. Berlin 2022; Jan Slaby et al. (Hg.): Affective Societies. Key Concepts, London/New York 2019; Jan Slaby et al. (Hg.): The New Key Concepts in Affective Societies, London/New York 2026; Baruch de Spinoza: Die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt [1677], übers. aus d. Lat. Otto Baensch, Hamburg 1976.

Credits
2 Creditpoints
Bemerkung

Das Seminar verbindet die Lektüre historischer und aktueller Affekttheorien mit Beispielen aus gegenwärtigen Theaterformen. Erwartet wird Interesse an der Verbindung von Theorie und Praxis. Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt.

Zur Erlangung von Credit Points sind ein Kurzvortrag sowie eine schriftliche Reflexion erforderlich. Es werden verschiedene Zugänge zur Theoriearbeit erprobt, u.a. dialogisches Lesen, Clustering oder KI-gestützte Lektüren. Eine fakultative Teilnahme ohne Vergabe von Credit Points ist ebenfalls möglich und erfolgt nach Rücksprache mit den Lehrenden.

Module
Modul Theorie Master Dramaturgie, Wahlmodul Master Dramaturgie, Theorie 1, Theorie 2, Theorie 1, Theorie 2, Modul Theorie 1 Schauspiel, Regie Schauspiel, Regie Musiktheater, Modul Theorie 2 Schauspiel, Regie Schauspiel, Regie Musiktheater, Modul Theorie 3 Schauspiel, Regie Schauspiel, Regie Musiktheater, Theaterwissenschaftliche Grundlagen I, Theaterwissenschaftliche Grundlagen II, Wahlmodul 2 Regie Musiktheater, Regie Schauspiel, Wahlmodul freie Wahl (alle Studiengänge), Wahlmodul Lehramt, Studium generale Wahlmodul Master, Wahlmodul 1 Regie, Wahlmodul 2 Regie