Von Natur-Septimen, fliegenden Bananen und dem Streit um die 12 – oder: Was ist ein Mikroton?
The content on this page was translated automatically.
- Subject according curriculum
- Analyse, musiktheoretisches Seminar
- Teachers
- Prof. Sebastian Sprenger
- Scope
- Donnerstag, 10:30 - 12:00 Beginn: 8. 10. 2026
- Room
- BP 201
- Duration
- 1.5 Semesterwochenstunden
- Description
Im allgemeinen Sprachgebrauch gilt als „Mikroton“ ein Ton, der sich – etwas vereinfacht gesagt – nicht auf dem Klavier spielen lässt, weil er durchs Raster eines Tonsystems fällt, das die Oktave in zwölf gleich große Halbtöne aufteilt.
Noch vor gut 50 Jahren sah der österreichische Violinist Rudolf Kolisch in diesem Tonsystem die notwendige Voraussetzung jedes musikalischen Fortschritts und wetterte gegen die „reaktionäre Ideologie“ der „Streichersekte“, die diese Voraussetzung nicht akzeptierte, sondern stattdessen auf einer „reinen Intonation“ („just intonation“), basierend auf kleinen ganzzahligen Frequenzverhältnissen, beharrte. Freilich hatte bereits 1949 der Amerikaner Harry Partch eine Skala entwickelt, die – ausgehend von jener in Kolischs Augen „reaktionären“ just intonation – die Oktave in 43 wesentlich feinere, allerdings ungleichmäßige Abstände unterteilte.
Die Diskussion um die optimalen intervallischen Verhältnisse selbst ist natürlich wesentlich älteren Datums und reicht mindestens bis ins antike China und Griechenland zurück. Gleichwohl mögen die Namen Kolisch und Partch hier stellvertretend für zwei unterschiedliche Ansätze zur Konstruktion von Tonsystemen, insbesondere im 20. und 21. Jahrhundert, stehen: Auf der einen Seite die Idee des „equal temperament“, d. h. die Aufteilung der Oktave – seltener auch anderer Intervalle – in eine unterschiedliche Unzahl gleich großer Schritte, resultierend beispielsweise in Drittel-, Fünftel- oder auch Zwölfteltönen; auf der anderen Seite die Orientierung an den „reinen“, ganzzahligen Intervallen der Obertonreihe. Beide Prinzipien können eher in Reinkultur verwirklicht oder auch miteinander kombiniert werden.
Eine interessante Entwicklung des letzten Jahrzehnts stellt die Herausbildung einer mikrotonalen Szene innerhalb der Rock- und Jazzmusik dar; prominente Beispiele wären hier der britische Vokalakrobat Jacob Collier oder das in jüngster Zeit sehr erfolgreiche kanadische Duo „Angine de Poitrine“. Auch die zunehmende Präsenz verschiedener Formen von türkischer oder arabischer populärer Musik in den Ländern des „Westens“ – erst in diesem Sommer widmete etwa die Neuköllner Oper eine Produktion der legendären ägyptischen Sängerin Umm Kulthuum – mag die Neugierde auf manche zwischen den zwölf Halbtönen des Klaviers verborgene Tonnuance sowie das Bewusstsein für die Relativität dessen, was innerhalb eines welchen Referenzrahmens als „Mikroton“ gehört und verstanden wird, wecken.
Das Seminar möchte in die Geschichte und Grundlagen verschiedener Tonsysteme und (mikro-)tonaler Denkweisen einführen, wobei keinerlei spezifischen Vorkenntnisse, wohl aber die Bereitschaft zum Ausprobieren am eigenen Instrument, ggf. mit der eigenen Stimme, vorausgesetzt und erwartet werden.- Literature
Barthelmes, Barbara: Raum und Klang. Das musikalische und theoretische Schaffen Ivan Wyschnegradskys. Berlin 1995
Cordes, Manfred: Nicola Vicentinos Enharmonik. Musik mit 31 Tönen. Graz 2007
Farrayj, Johnny/Shumays, Sami Abu: Inside Arabic music. Arabic Maqam Performance and Theory in the 20th Century. New York 2019
Gann, Kyle: The Arithmetic of Listening. Tuning Theory & History for the impractical Musician. Chicago u. a. 2019
Geller, Doris: Praktische Intonationslehre für Instrumentalisten und Sänger. Kassel 2003 (3. Auflage)
Metzger, Heinz-Klaus/Riehn, Rainer (Hrsg.): Musik der anderen Tradition. Mikrotonale Tonwelten (Musik-Konzepte Sonderband). München 2003
Pätzold, Cordula/Walter, Caspar Johannes (Hrsg.): Mikrotonalität – Praxis und Utopie. Mainz 2014
Partch, Harry: Genesis of a Music. An account of a creative work, its roots and its fulfillments. New York 1979 (2. Auflage)
Pfrogner, Hermann: Die Zwölfordnung der Töne. Zürich 1953
Reichert, Jonas: Mikrotonalität in Mexiko. Konzeptualisierung und Realisierung des „Sonido 13“ von Julián Carrillo (1921-1925). Berlin 2026
Stahnke, Manfred (Hrsg.): Mikrotöne und mehr. Auf György Ligetis Hamburger Pfaden. Hamburg 2005
Zimmermann, Bastian (Hrsg.): Untwelving (=Positionen 144). Berlin 2025
- Credits
- 3 Creditpoints
- Comments
Lehrangebot für BA- und MA-Studierende aller Fachrichtungen.
Anmeldung bitte mit Angabe des Studiengangs unter sebastian.sprenger[at]hfmt-hamburg.de bis 5. 10. 2026.
Leistungsnachweis: Kontinuierliche aktive Teilnahme (sprachlich und musikalisch) am Unterrichtsgeschehen; Referat/Präsentation- Modules
- Musiktheoretisches Modul 1 Instrumentalisten Master, Musiktheoretisches Modul 2 Kirchenmusik A (Master), Wahlmodul freie Wahl (alle Studiengänge)